Das Grab ist voll – vor Ostern

Das Grab ist zu. Nichts tut sich. Es ist die Ruhe nach dem Sturm. Die Ohnmacht nach der Katastrophe. Das Erstarrtsein nach dem Undenkbaren. Die Leere nach der Erfüllung der schlimmsten Prophezeiungen. Der Stein liegt vor dem Grab. Unverrückbar. Jesus ist tot. Karsamstag.

Andreas Schenk, Evangelisch-Reformierter Pfarrer In Appenzell
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Das Grab ist zu. Nichts tut sich. Es ist die Ruhe nach dem Sturm. Die Ohnmacht nach der Katastrophe. Das Erstarrtsein nach dem Undenkbaren. Die Leere nach der Erfüllung der schlimmsten Prophezeiungen. Der Stein liegt vor dem Grab. Unverrückbar. Jesus ist tot. Karsamstag. Vor dem Grab verharren und verstummen. Dem Tod ins Auge starren. Nicht ausweichen. Nicht fortleben. Eine Welt ist zusammengebrochen. «Meine Seele ist tief betrübt.» Aushalten. Ausharren.

Der Leere, Ohnmacht, Wut und Trauer Raum geben. Mit dem Leid, dem Schmerz, der Trauer leben. Sich das Heft des Lebens für eine Weile aus der Hand nehmen lassen. Nicht «es muss halt irgendwie weitergehen». Heute jedenfalls noch nicht. Es kann nicht weitergehen. Unmöglich: Tun, als wäre es ohne Jesus gleich wie mit.

Auch heute nicht tun, als wäre nichts geschehen. Sondern dem Leid und Schmerz ins Gesicht sehen. Leere und Ohnmacht von Angesicht zu Angesicht aushalten. Stehenbleiben, erstarren. Mit zwölf Millionen Flüchtlingen in Syrien. Vor den frischen Gräbern von Ermordeten in Nordnigeria. Eine Atempause lang verstummen mit den Gehetzten dieser Welt. Einen Moment Ewigkeit aushalten mit Menschen, denen eine Krankheit das Heft des Lebens bereits aus der Hand genommen hat. Oder ein Unfall. Oder eine Sucht. Oder die Sehnsucht. Nein, nicht davor fortleben. Heute nicht.

Es nicht als normal akzeptieren. Und auch nicht als Weltenlauf. Ohnmächtig ist es. Ohnmächtig fühle ich mich. Aber doch nicht immun, blutleer, gleichgültig. Ohnmächtig, die Seele dagegen aufschreien lassen. «Mein Gott, mein Gott, warum hast DU sie verlassen.» Ein Protest gegen solche Tode. Und gegen das Gestorbenwerden im Leben. Damals. Heute. Jesu Leichnam liegt im Grab. Tot. Hingerichtet. Getötet. Kein Tod kann rückgängig gemacht werden. Kein Leid und keine Ohnmacht ungeschehen. Nicht einmal «wiedergutgemacht». Grabsteine bleiben, Wundmale bleiben, jedenfalls in den Seelen. Nicht unversöhnbar. Aber doch spürbar. Heute ausharren. Und morgen weitergehen. Aber nicht im Vertrauen auf die eigene Kraft. Sie reicht nicht. Nicht gegen den Tod. Nicht gegen die Ohnmacht und Leere. Nicht bei Jesus.

Nach der Seelenleere kommt die Leere des Grabes. Die Auferweckung. Auferweckt werden von den Toten. Den Stein nicht selbst wegrollen müssen. Wie Sisyphus. Sondern wegrollen lassen. Auferweckt werden. Christ ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Begegnet den Erstarrten. Belebt die Verstummten. Leidet mit den Gekreuzigten. Lässt sich berühren von den Ungläubigen. Teilt das Brot und das Leben mit allen, die daran teilhaben wollen. Auferweckt werden und einstehen für das Leben. Für das Leben aller Gekreuzigten unserer Tage. Und für das eigene. Auf dass Ostern ein Tätigkeitswort werde. Lasst es uns gemeinsam durchdeklinieren: Ich ostere. Du osterst. Sie/er ostert. Wir ostern. Ihr ostert. Sie ostern.

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