Das Gedächtnis von Ausserrhoden

Was bewegte die Leute vor 200 Jahren? Was beschäftigt sie heute? Die Ausserrhoder Kantonsbibliothek weiss es. Seit 1896 sammelt sie alle Medien, die den Kanton betreffen. Von Postkarten über Zeitungen und Tonaufnahmen bis zu kostbaren Handschriften.

Julia Nehmiz
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Einer der neusten Funde: «Texte in Appenzeller Mundart», beschriftet mit «Hans Zellweger», um 1890. Das Heft lag in einer Kommode der Zellweger-Wohnung im Trogner Fünfeckpalast. (Bilder: miz)

Einer der neusten Funde: «Texte in Appenzeller Mundart», beschriftet mit «Hans Zellweger», um 1890. Das Heft lag in einer Kommode der Zellweger-Wohnung im Trogner Fünfeckpalast. (Bilder: miz)

TROGEN. Kalt ist es im Magazin. Heidi Eisenhut steht zwischen den übermannshohen Archivschränken. Es ist eng, ein wenig schummrig und ganz still. «Hier ist quasi das Herz der Kantonsbibliothek», sagt Eisenhut. Das Herz, das ist das Zellweger-Archiv. Hinter den dicken Mauern des Trogner Fünfeckpalastes lagern die Schätze der Bibliothek, klimatisiert, bei konstanter Luftfeuchtigkeit – und mehrfach gesichert. Hier kommt nur rein, wer Schlüssel und Code hat.

Die Leiterin der Kantonsbibliothek wuchtet einen Wälzer aus dem Regal. Briefe, unzählige Briefe, in gestochen scharfer Schrift, handgeschrieben von Johannes Zellweger-Hirzel, im 18. Jahrhundert zum Buch gebunden. Die Siegel wurden herausgeschnitten, damit die Briefbögen besser aufeinanderliegen. «Wir haben uns entschieden, diesen Band aufzulösen und in einem säurefreien Behältnis neu zu verpacken», sagt Eisenhut. Eigentlich belassen sie die Dokumente im ursprünglichen Zustand. Aber diese Bände sind schlicht zu dick und zu schwer, und zudem falsch gebunden – die 250 Jahre alten Handschriften leiden.

Umfassender Sammelauftrag

Rund 90 000 «physische Einheiten» lagern in den Magazinen der Ausserrhoder Kantonsbibliothek. Darunter sind 19 000 Bilder und Gemälde. Den grössten Teil machen Broschüren, Nachlässe, Bücher, Plakate, Postkarten, Zeitschriften, Filme, Tonaufnahmen, CDs oder Flyer aus – «wir haben den Auftrag, die ausserrhodischen Medien aufzubewahren», sagt Heidi Eisenhut. Die Kantonsbibliothek sei eine Gedächtnisinstitution. «Wir sammeln, erschliessen und vermitteln das Quellenmaterial unserer Gemeinschaft», sagt Eisenhut, «das ist keine tote Materie, das ist Teil unserer Identität.»

Die überbordende Fülle verführt zum Stöbern. Hier die gesammelten Jahrbücher der Sekundarlehrerkonferenz, da der Nachlass des Männerchors Trogen, dort die Statuten der allgemeinen Weber-Krankenkasse für Hundwil und Umgebung. Vergilbte Exemplare längst eingestellter Lokalzeitungen neben alten Schüler- und Maturazeitungen. Und zwischendurch Schätze, wie die Erinnerungsmedaille, die ein Zellweger 1663 in Paris von Sonnenkönig Ludwig XIV. erhielt. Handschriftlich verfasste Bücher aus dem 16. Jahrhundert, uralte Drucke aus der Sammlung von Säntisbahngründer Carl Meyer. Oder die «Collectio Magica et Occulta», 110 Laufmeter Schriften und 7000 Bücher über Religion, Geheimbünde und Alchemie.

Und – das Prachtstück – seit November gehört eine ganze Wohnung dazu. Die Zellweger-Wohnung im Fünfeckpalast. Original eingerichtet. Wer sie betritt, findet sich in einer anderen Welt wieder. Noch haben Eisenhut und ihr Team nicht alles durchgearbeitet, was in der Wohnung lagert. Etliche Bündel Briefe, Tagebücher und Schriften von Zellwegers warten darauf, erfasst zu werden.

Niemand will alte Bücher

Doch manche private Sammlung bereitet Heidi Eisenhut Kopfzerbrechen. «In jüngster Zeit hatten wir fünf Anfragen von Leuten bezüglich Bibliotheksübernahme.» Eisenhut begutachtet, was ihr angeboten wird. Meistens kann sie es nicht aufnehmen. «Das beschäftigt mich, es ist hart, wenn jemand ein Leben lang etwas aufgebaut hat, und dann will das niemand haben.»

Das, was die Kantonsbibliothek aufbewahrt, ist im Online-Katalog verzeichnet; die digitale Verfügbarkeit wird laufend erweitert. Die Digitalisierung ist eine Umwälzung, die auch vor dem kleinen Appenzell Ausserrhoden nicht Halt macht. Im Gegenteil: Die Trogner Kantonsbibliothek gehört zu den Gründungsmitgliedern des Verbundkataloges HAN. Online sind dort Hunderte Nachlässe und Archivbestände, Tausende Handschriften, Briefe und Fotografien von acht Schweizer Bibliotheken erschlossen.

Beiträge auf Wikipedia

Die Kantonsbibliothek selber hat in den 1990er Jahren angefangen, den Bestand elektronisch zu erfassen. Und sich Verbünden anzuschliessen. «In weiser Voraussicht hat mein Vorgänger Matthias Weishaupt bewirkt, dass sich die Kantonsbibliothek dem St. Galler Bibliotheksnetz anschliesst», sagt Heidi Eisenhut. Gemeinsam könne man die Sichtbarkeit erhöhen.

Noch seien die Bestände der Bibliothek nicht über Google auffindbar. «Da besteht eine Diskrepanz zwischen den kostenpflichtigen Bibliothekssystemen und Open Source.» Um trotzdem online präsent zu sein, verfasst das kleine Team um Heidi Eisenhut Artikel auf Wikipedia. Ein Aufwand, den man trotz wenig Personal (280 Stellenprozente plus freie Mitarbeitende für Projekte) nicht scheut. «Wir müssen dahin, wo die Leute suchen», so Eisenhuts schlichte Erklärung. Damit noch mehr gefunden werden kann, transkribiert eine Gruppe von Freiwilligen alte Handschriften und stellt sie online, abrufbar über den HAN-Katalog. Mitarbeiter Patrick Lipp hat die Bilddatenbank aufgebaut und betreut die fortlaufende Digitalisierung der Bestände – gerade digitalisiert er Dr. Vogels Gesundheitsnachrichten.

Den kompletten Bestand online zu stellen, bleibt ein ferner Zukunftstraum. Man kann sich also weiterhin zwischen Schränken und Regalen auf Schatzsuche begeben. Übrigens: Die Kantonsbibliothek steht allen offen. An jedem Werktag, von 14 bis 17 Uhr, kann man im Gedächtnis Ausserrhodens stöbern.

www.ar.ch/kantonsbibliothek

Kleindruckschriften lagern in säurefreien Behältnissen im Magazin.

Kleindruckschriften lagern in säurefreien Behältnissen im Magazin.

Im zweiten Stock des Trogner Fünfeckpalasts liegt die Zellweger-Wohnung.

Im zweiten Stock des Trogner Fünfeckpalasts liegt die Zellweger-Wohnung.

Der Salon der Zellweger-Wohnung entführt einen ins 19. Jahrhundert.

Der Salon der Zellweger-Wohnung entführt einen ins 19. Jahrhundert.

Heidi Eisenhut mit der Erstausgabe der Appenzeller Zeitung von 1828.

Heidi Eisenhut mit der Erstausgabe der Appenzeller Zeitung von 1828.

«Appenzeller Chronik» von Bartholomäus Anhorn, entstanden 1625/26.

«Appenzeller Chronik» von Bartholomäus Anhorn, entstanden 1625/26.

Patrick Lipp ist die «elektronische Abteilung» der Kantonsbibliothek.

Patrick Lipp ist die «elektronische Abteilung» der Kantonsbibliothek.