Das ganze Jahr Fasnacht

«Wir waren beim Fastnachtumzug / Drachen, Hexe und Clowns tanzten da. / Am besten haben mir die Lachgesichter gefallen. / Als wir heimgingen / hat einer seine Maske noch aufgehabt. / Als er sie abnahm, war da ein todernstes Gesicht.

Daniel Klingenberg
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«Wir waren beim Fastnachtumzug / Drachen, Hexe und Clowns tanzten da. / Am besten haben mir die Lachgesichter gefallen. / Als wir heimgingen / hat einer seine Maske noch aufgehabt. / Als er sie abnahm, war da ein todernstes Gesicht.» Diese Verse stehen in einem Religionsbuch für das erste Schuljahr und sie gelten für kleine und grosse Menschen von ein bis 99 Jahren. Sie spiegeln die Überraschung oder gar das Erschrecken, wenn ein naher Mensch plötzlich ein anderes Gesicht als das gewohnte hat.

Menschen haben verschiedene Gesichter und an Fasnacht lieben wir das Spiel mit den Masken. In dieser Zeit begrüssen wir einander hinter der Maske mit «Gell, du kennsch mi nöd?» Landauf, landab geht die Fasnacht mit ihren Bräuchen ins Land. Ebnat-Kappel öffnet die Halle 7, Lütisburg die «Bombastische Fasnachtsparty» und Flawil macht die närrischen Tage «gruselig schöön». St. Gallen verschiesst seinen Födlebürger und die Süddeutschen rufen einander «Narri, Narro!» zu. Wir lieben das Spiel mit den Gesichtern auch, wenn nicht Fasnacht ist. Denn wir haben ein Sonntagsgesicht, ein Alltagsgesicht, ein Schimpfgesicht, ein Trauergesicht, ein Feriengesicht und viele weitere Gesichter. So gesehen ist das ganze Jahr Fasnacht und sie ist für uns Alltag.

Die Sache mit dem Gesicht wird aber für viele Menschen ernst, wenn sie fotografiert werden und dieses Bild andere Menschen zu sehen bekommen. Wie sehe ich aus? Das ist die heimliche Schlüsselfrage unserer Zeit. Und die Frage meint eigentlich: Bin ich attraktiv?

Darum hat das fasnächtliche Spiel mit den Masken ernste Untertöne. «Gäll, du kennsch mi nöd?» ist ein heiteres Ratespiel, das die Sehnsucht nach dem Gegenteil mit einschliesst. Wir Menschen sehnen uns nach nichts mehr als der Bestätigung: «Gäll, du kennsch mi!» Und das mit dem Gesicht, das wir gerade haben. Mit dem Gesicht ohne Sonntagsfassade. «Gäll, du kennsch mi!» meint: Es ist ein Herzenswunsch von uns, erkannt und verstanden und angenommen zu werden. Mit dem Gesicht, das wir gerade haben, ohne Sonntagsfassade.

Dieser Herzenswunsch ist eine religiöse Sehnsucht. Die Religionen sagen: In jedem Menschen ist etwas Unverwechselbares, das auf ein Gegenüber hofft, das ihm antwortet. Der Apostel Paulus kennt diese Sehnsucht, und er weiss, dass sie erst in Gott zur Ruhe kommt. Er schreibt: «Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich völlig erkennen, wie auch ich völlig erkannt worden bin.»

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