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Das Fest der Schalttage*

Brosmete
Paul Gisi

Die Menschen wissen so viel, ich finde es herrlich zu wissen, dass ich nichts weiss. Ich überlasse es genüsslich andern Menschen, die Welt zu erklären. Ich brauche keine Erklärungen. Ich höre, im Drehfauteuil sitzend, die «Liturgie des Heiligen Johannes Chrysostomus» von Piotr Iljtsch Tschaikowskij, studiere mesopotamische Religionen und die geistig-mythologische Welt des Neolithikums, entdecke Schlangen und Götter in den Träumen, die Analogien vergangener Jahrtausende zur Moderne sind evident, sofern man die Augen offen hält, ich vermehre zu meinem Vergnügen mein Nichtwissen.

Manchmal aber passiert es, dass die Tage in die Langeweile abzudriften in Gefahr sind. Wenn sich dies anzumelden droht, schalte ich mit boshafter Freude einen «Schalttag» ein, in dem alles anders wird. Ich tanze mit dem Harlekinschmetterling, durcheile mit Waldsalamanderverwandten Auwälder, lade eine Ringelnatter, die mich, eine Erdkröte, in der Regel bekämpft, zu einem Freundschaftsmahl ein, schmeisse lustvoll ein paar Bücher aus meiner Bibliothek umher, übe mich mit Zeus im Donnern, tue ich so, als ob mir die Kalligraphie wichtig wäre.

Es gab einmal einen «Schalttag», damit es mir nicht langweilig würde, an dem ich Konfetti auf die Welt ausschüttelte, indische Tempel in die Zürcher Bahnhofstrasse versetzte, den Nil aufwärts fliessen liess, Urwälder in die Wüste verpflanzte, ein lustig pigmentierter Glattbutt durch die Tate-Gallery flog, der Tragödiendichter Sophokles Burlesken rezitierte, als ich den Chimborazo in den Hosensack steckte, die kolkrabengrosse Polarmöwe in meiner Küche Spaghetti Bolognese kochte – es war ein Fest.

Wenn ich befürchte, mies- wütend zu werden, schalte ich flugs einen «Schalttag» ein, ich bin alt genug geworden, um es mir zu gönnen, so viele «Schalttage» im Jahr zu geniessen, wie ich es mir wünsche. Nur fantasielose Menschen haben einen «Schalttag» bloss alle vier Jahre, das wäre mir zu wenig. Ich erfinde alle paar Wochen einen «Schalttag», ich fahre genussreich damit.

Paul Gisi

* Die Grundidee für die Brosmete «Das Fest der Schalttage» entnahm ich Wilhelm Hauffs Erzählung «Phantasien im Bremer Ratskeller», doch sonst ist alles frei erfunden.

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