Das etwas andere Tässli

Brosmete

Stephanie Sonderegger
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Da ist es: das Tässli. Gross aufgemacht auf einem Plakat vor einer Drogerie in Appenzell. «Unfassbar!», denk ich mir. Hatte ich doch lange in der Schweiz danach gesucht. Denn das Tässli ist kein normales. Es ist ein ganz spezielles. Eines, das nur zu besonderen Tagen zum Einsatz kommt. So wie das schöne Geschirr meiner Grossmutter. Aber aus diesem Tässli wird kein ­Kaffee oder Tee geschlürft. Nein, dieses Gefäss hat andere Auf­gaben. Und die findet meine Freundin ziemlich «gruusig».

Das Tässli ist nämlich eine sogenannte «Menstruationstasse». Klingt seltsam? Ist es irgendwie auch. Zumindest konnte ich mir so gar nichts darunter vorstellen, als meine Schwester mir davon berichtete. Bei meinen Recherchen spuckte mir das Internet Bilder von quietschbunten «Silikonkübeli» mit Stil aus. Weiter erfuhr ich, dass diese Tässli sehr einfach zu reinigen, kostengünstig in der Anschaffung seien und das Risiko für bakterielle Krankheiten im Zaum hielten. «Interessant», dachte ich mir, schloss die Seite und vergass die spe­ziellen Tässli wenige Stunden später.

Google tat dies nicht. Plötzlich waren sie überall: Tässli auf Facebook, Tässli auf Webseiten von Restaurants, Tässli als Werbebanner bei Onlineshops – ja, das «Silikonkübeli» drängte sich mir förmlich auf. Und ich, ich wurde schwach. Als hätte ich ein Pärchen hübsche Schuhe gesehen, klickte ich eins an. Und dabei blieb es nicht. Es war wie ein Sog in das Universum der Menstruationstasse: Da gab es grosse und kleine, solche mit ­dicken Wänden und solche mit dünnen. Manche hatten Noppen, manche hatten keine. Nur einen Schweizer Anbieter wollte mir das Internet nicht ausspucken. Ich resignierte.

Das war vor einigen Jahren. Nun steh ich da und kann es nicht fassen: Das Tässli gibt es tatsächlich in Appenzell zu kaufen! Völlig geistesabwesend will ich in meiner Handtasche nach meinem Handy greifen, meiner Freundin das Unfassbare mitteilen. Da fällt sie schon, die Tasche. Der gesamte Inhalt breitet sich vor meinen Füssen aus. Einige Tampons rollen über den Pflasterstein. Peinlich berührt packe ich sie wieder ein. «Ich brauch wirklich ein Tässli», fluche ich leise vor mich hin. Nur: Sonntags gibt es das auch nicht in Appenzell!

Stephanie Sonderegger