Das erste Wort

Einmal hatte ich irgendwo eine Unterhaltung mitgehört, bei dem ein Vater (oder war es eine Mutter?) eines kleinen Kindes gefragt wurde, «was war denn das erste Wort deines Sohnes?».

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Bild: Martina Basista

Bild: Martina Basista

Einmal hatte ich irgendwo eine Unterhaltung mitgehört, bei dem ein Vater (oder war es eine Mutter?) eines kleinen Kindes gefragt wurde, «was war denn das erste Wort deines Sohnes?». Er oder sie schien einen Moment zu überlegen und sagte dann schnell, sich offenbar auf einer gängige Anekdote besinnend, vielleicht auch mit Blick auf den Unterhaltungswert des Gesprächs: «<Auto> glaub' ich.» Sollte es denn so sein, dass manche Leute die ersten Worte ihrer Kinder vergessen, könnte ich das nur zu gut verstehen. Es ist nur ein paar Monate her, seit unser Sohn mit dem Sprechen begann, und doch bin ich ziemlich unschlüssig. Im vergangenen September, in einem gemieteten Ferienappartement in Wales, deutete unser Sohn bald einmal auf die Türöffnungs- und Gegensprechanlage und sagte: «alo». Weder Form noch Farbe stimmten mit unserem Festnetzapparat zu Hause überein, er hatte das Gerät nie in Gebrauch gesehen, und doch war für ihn offenbar klar, dass es sich bei dem Ding mit Hörer und Spiralkabel von der Idee her um so etwas wie ein Telefon handelte. Eine ziemlich frühe Lautäusserung war auch «babi», die machte er vor allem dann, wenn ich zur Tür herein- kam. Bei «mami» scheine ich bis heute zuweilen mitgemeint zu sein, vielleicht heisst es für ihn derzeit einfach «hilf mir», wer weiss. Längst hat er auch «miaa» im Repertoire: So reagiert er auf Katzen, abgebildete oder echte, aber auch auf Waschbären oder Katta-Lemuren im Tierbuch. Irgendwann merkten wir, dass es im Kopf unseres Sohns quasi stumme Begriffe gibt; Wörter, die er versteht, aber nicht sagt «Nuggi» zum Beispiel, wie auch andere Bezeichnungen aus dem anschaulichen Kleinkinderalltag. «beybi» sagt er bei der Begegnung mit – manchmal gar nicht mehr so kleinen – Kindern, oder wenn er sich selbst auf einer Fotografie sieht. Bald einmal schnappte er die Namen einiger seiner Essens-Favoriten auf. Weil er zweisprachig (Schweizerdeutsch-Koreanisch) aufwächst, kann er Fleisch und Erdbeeren benennen, dank der kindgerechten Länge der koreanischen Wörter «gogi» und «dhalgi»; dabei fällt für ihn übrigens auch Fisch und Wurst in die Kategorie «gogi». Er kann auch «Ei» sagen, wenn man ihn dazu animiert, und er weiss bestimmt, was es ist – von sich aus verwendet er das Wort aber bisher nicht. Würde ein deutscher Privatfernsehsender aus dem Thema eine Donnerstagabendshow unter dem Motto «die zehn beliebtesten allerersten Baby-Worte aller Zeiten» oder so machen, dann stünde am Ende des Abends gewiss «Auto» als «das» erste Babywort schlechthin fest. Zum Glück ist in Wirklichkeit alles viel spannender.

Ueli Abt