«Das Erdbeben war beängstigend »

Die Naturkatastrophe in Nepal hat Jürg Merz hautnah miterlebt. Der gebürtige Heidler lebt seit 17 Jahren im Land und arbeitet für Helvetas. Im Gespräch äussert sich der Leiter des Nothilfeprogramms über das Leid der Menschen.

Jesko Calderara
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Im nördlich der Hauptstadt Kathmandu liegenden Distrikt Sindhulpalchok zerstörte das Erdbeben zahlreiche Häuser. (Bild: pd)

Im nördlich der Hauptstadt Kathmandu liegenden Distrikt Sindhulpalchok zerstörte das Erdbeben zahlreiche Häuser. (Bild: pd)

Herr Merz, wie haben Sie das Erdbeben erlebt?

Jürg Merz: Meine Frau, zwei unserer drei Kinder und ich waren bei uns zu Hause in Patan im dritten Stock, als es anfing zu rütteln. Das Erdbeben dauerte ungefähr zwei Minuten. Es war beängstigend – das Rütteln, die Schreie der Nachbarn und das Krachen. Sobald es wieder ruhig war, begaben wir uns in den Garten. Bis zum heutigen Tag folgten mehrere Nachbeben.

Wie gross sind die Schäden nach der Naturkatastrophe?

Merz: Es gibt grosse Unterschiede. In der Umgebung unseres Hauses halten sich die Schäden in Grenzen. Dagegen stürzten im Stadtzentrum von Kathmandu, Patan sowie Bkaktapur viele alte Häuser ein, darunter Tempel und andere historische Bauten. Zudem sind einige Wohngebiete stark zerstört. Auf dem Land, im Norden Kathmandus, sieht es ebenfalls sehr schlecht aus. Dort liegen ganze Dörfer in Trümmern und müssen wieder vollständig aufgebaut werden. Die letzten offiziellen Zahlen berichten von 7365 Toten. Dazu gab es 14 355 Verletzte.

Wie präsentiert sich im Augenblick die Lage in Nepal?

Merz: In der Hauptstadt haben die Aufräumarbeiten angefangen. Die internationalen Suchtrupps wurden von der Regierung aufgefordert, das Land zu verlassen. Gleichzeitig gibt es jedoch immer noch entlegene Orte, wo bis jetzt keine Hilfe vorgedrungen ist. Die vom Erdbeben betroffenen Menschen wohnen weiterhin in Zeltlagern. Mehrere Hilfsorganisationen und der Staat versuchen, sie mit Hilfsgütern zu versorgen.

Welches sind die Schwierigkeiten der humanitären Hilfe?

Merz: Der Transport und die Verfügbarkeit von Gütern in ausreichender Menge sind die grössten Herausforderungen. Der Flughafen ist klein, aus diesem Grund kann er nur wenigen Flugzeugen gleichzeitig eine Parkerlaubnis erteilen. Der lokale Markt trocknet zudem langsam aus. Viele Produkte wie Zeltblachen sind nicht mehr erhältlich. Rutschungen stören den Transport, dazu entstehen auf den engen Strassen oft lange Staus. Auch die Verteilung der Produkte in den Dörfern gestaltet sich schwierig.

Ist die Versorgungslage mit Medikamenten, Lebensmitteln, Wasser und Zelten ausreichend?

Merz: Im Moment brauchen die meisten Leute immer noch ein Dach über dem Kopf. Viele haben noch keine Zeltblachen erhalten. Erste Meldungen von Durchfall und Erbrechen unter Kindern zeigen, dass die Trinkwasserversorgung schlecht geworden ist. Helvetas unterstützt deshalb die Wasseraufbereitung mit Hilfe von lokal produzierten Chlortropfen. Ferner scheint es an verschiedenen Orten an Lebensmitteln zu mangeln. Mittelfristig müssen die Betroffenen mit Saatgut unterstützt werden, da dieses entweder zerstört wurde oder die Bauern es mangels anderer Nahrung gegessen haben. In den Städten wiederum fehlt Wasser.

Wie gehen die Bevölkerung und Sie persönlich mit der Naturkatastrophe um?

Merz: Die Leute trauern um die Toten und betreuen die Verletzten. Gleichzeitig hat an vielen Stellen bereits der Wiederaufbau der Häuser begonnen. Allerdings baut man gleich schlecht oder sogar noch schlechter als zuvor. Es geht jetzt darum, sich so schnell wie möglich vor dem kommenden Monsun zu schützen. Die Hilfsbereitschaft untereinander ist sehr gross. Glücklicherweise kam keiner meiner Verwandten und Bekannten ums Leben, deshalb kann ich mich voll auf die Unterstützung der Bevölkerung in unserem Projektgebiet widmen. Das Ausmass der Katastrophe wird mir aber wahrscheinlich erst später bewusst, wenn ich Zeit habe zu reflektieren.

Welche Aufgaben kann Helvetas beim Wiederaufbau übernehmen?

Merz: Wir leisten jetzt in einer ersten Phase Nothilfe in ausgewählten Gebieten. Beim Wiederaufbau will sich Helvetas grösstenteils auf die Wasserversorgung und die Siedlungshygiene konzentrieren.

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