Das Eierlesen, ein fast vergessener Osterbrauch

An einigen Orten in der Schweiz wird der Frühjahrsbrauch des Eierlesens noch immer gepflegt. Im Appenzellerland ist er schon seit längerem Geschichte.

Achilles Weishaupt
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Zeichnung des Herisauers Paul Tanner (1882–1934) zum Eierlesen auf der Schönau bei Urnäsch am 18. Mai 1891. (Bild: Bild: NAK)

Zeichnung des Herisauers Paul Tanner (1882–1934) zum Eierlesen auf der Schönau bei Urnäsch am 18. Mai 1891. (Bild: Bild: NAK)

Im Eierlesen wird das im Frühling wieder erwachende Leben versinnbildlicht. Hierbei stehen die Eier als Symbole der Fruchtbarkeit im Mittelpunkt. Man kennt den Brauch heute bei uns in der näheren Umgebung in Oberriet, aber auch in den Kantonen der Grossregion Nordwestschweiz. Er findet an Ostern oder am darauffolgenden Sonntag, aber auch an der Auffahrt statt. Eine Variante dieses Brauches wurde früher, allerdings ohne aufwendig kostümierte Figuren, an Ostern auch im Appenzellerland ausgeübt. Am Ostermontag des Jahres 1891 wurde bei Urnäsch das Schulhaus auf der Schönau eingeweiht. Jedoch fiel das Fest wegen der ungünstigen Witterung sprichwörtlich ins Wasser, und der geschäftige Wirt von nebenan musste deswegen mit Verlusten rechnen. Dass seine Aufwendungen zumindest nicht vergebens waren, veranstaltete er zum zweiten Pfingsttag wieder einmal eine «Eierlesete», einen Wettlauf in Verbindung mit einem Osterbrauch, der damals schon sehr selten, offenbar auf dem absteigenden Ast war. Auch in Innerrhoden wurde dieser Brauch ausgeübt. Solche Anlässe fanden dort auch in Steinegg beim «Chappeli», also beim Vorgängerbau des Anfang 2017 abgebrochenen Hotels Rössli, statt. Letztmals lud am 2. April 1904 der damalige Wirt, Emil Dobler (1879–1922), mittels Inserat im «Appenzeller Volksfreund» dazu ein.

Wie hat man sich diesen Brauch im Appenzellerland vorzustellen? Darüber berichtet der Volkskundler Theodor Vernaleken (1812–1907) in seinem Buch über Volksüberlieferungen aus Österreich und der Schweiz, das im Jahr 1858 erschienen ist und auch online eingesehen werden kann. Eine ausführliche Beschreibung lässt sich in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 5. Juni 1892 finden. Der Ausserrhoder Schriftstellerin Frieda Tobler-Schmid (1884–1959) verdankt man eine Studie im «Neuen Appenzeller oder Häädler Kalender» für das Jahr 1933, die sogar noch mit einer Zeichnung des Herisauer Künstlers Paul Tanner (1882–1934) illustriert ist.

Eier schwirren durch die Luft

Beim Eierlesen wurde eine grosse Anzahl von Eiern, je eines in einem Abstand von ungefähr einem halben Meter oder weniger vom nächsten entfernt, in gerader Linie auf dem Boden ausgelegt. Zwei mit Bändern geschmückte Jünglinge boten sich zum Wettrennen an. Einer von ihnen hatte eine ihm vorgeschriebene Strecke in möglichst grosser Geschwindigkeit zu durchlaufen und Beweise zu erbringen, dass er am Ziele gewesen war. Während dieser Zeit hatte der andere Spieler ein ausgelegtes Ei nach dem andern in eine mit Stroh ausgefüllte Wanne oder in einen Tuchsack am Start zu werfen. Doch durfte dabei kein Ei beschädigt werden. Die Eier durften auch in das Behältnis gelegt werden. Bereits vor dem Start wurde eine Zeitvorgabe festgelegt. Über den Eierläufer wurde für jedes zerbrochene Ei eine Zeitstrafe verhängt. Wer zuerst am oberen Ende der Eierreihe anlangte, wurde zum Sieger erklärt. Im Anschluss an diese Wettkämpfe fand bei Tanz und Gesang ein gemeinsamer Eierschmaus statt.