«Das älteste Indiz führt ins Jahr 1733 zurück»: Die Herisauer Künstlerin Vera Marke will ein Baudenkmal in Hundwil restaurieren und erforschen

Das Haus Dorf 10 am Landsgemeindeplatz in Hundwil ist seit März im Besitz der Herisauer Künstlerin Vera Marke. Sie will das denkmalgeschützte Haus mit seinen 23 Räumen restaurieren, um es später für vielfältige Nutzungen zugänglich zu machen. Ihr Projekt ist gleichzeitig eine Recherche zur baugeschichtlichen Vergangenheit der stattlichen Liegenschaft.

Claudio Weder
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Die Liegenschaft Dorf 10 in Hundwil steht unter Denkmalschutz.

Die Liegenschaft Dorf 10 in Hundwil steht unter Denkmalschutz.

Bild: PD

Im Herzen von Hundwil, direkt am Landsgemeindeplatz, liegt die Liegenschaft Dorf 10. Das Haus verfügt über vier Stockwerke, 23 Räume und ist mehrere hundert Jahre alt. Über ein paar wenige Treppenstufen gelangt man von der Hauptstrasse ins erste Geschoss, wo in den Räumlichkeiten zur Rechten bis vor kurzem ein Antiquitätenladen untergebracht war. Seit März gehört die unter Denkmalschutz stehende Liegenschaft der Herisauer Malerin Vera Marke. Sie sei per Zufall darüber gestolpert, als sie nach Lagerräumen gesucht habe. «Das Haus ist ein Juwel und erzählt einiges über seine wechselvolle Baugeschichte», sagt die 48-Jährige. Nun hat sie vor, es zu restaurieren.

In diesem Zimmer im zweiten Obergeschoss kam zwischen den mit Novilon belegten Spanplatten eine blaue Tapete und ein Durchgang zum Nachbarhaus zum Vorschein.

In diesem Zimmer im zweiten Obergeschoss kam zwischen den mit Novilon belegten Spanplatten eine blaue Tapete und ein Durchgang zum Nachbarhaus zum Vorschein.

Bild: PD

«Während des Lockdowns hatte ich genügend Zeit, um sogleich die ersten Aufräum- und Rückbauarbeiten in Angriff zu nehmen», erzählt Marke. Nachdem alle neueren Einbauten entfernt wurden, gehe es nun darum, das Haus zu lesen:

«Ich möchte innehalten und herausfinden, was das Haus erzählt.»
Im Untergeschoss befinden sich unter anderem zwei Webkeller.

Im Untergeschoss befinden sich unter anderem zwei Webkeller.

Bild: PD

Verschiedene Nutzungen unter einem Dach vereint

Die Indizien reichen weit in die Vergangenheit zurück: Auf einer Todesanzeige, die hinter einer ersten Wandschicht in einem der Räume im Erdgeschoss zum Vorschein kam, prangt die Jahreszahl 1898. Der älteste bislang entdeckte Hinweis – eine Landsgemeinde-Proposition – ist auf das Jahr 1733 datiert. Daneben interessiert sich Vera Marke auch für die Funktion der Räume: «Es lässt sich vermuten, dass unterschiedliche Nutzungen unter einem Dach vereint waren: Weberei, Textilvertrieb, Gaststätte und alltägliches Wohnen.»

In der Stube im ersten Obergeschoss wurde vermutlich einmal eine Gastwirtschaft betrieben, wie das bei vielen Häusern am Landsgemeindeplatz der Fall ist.

In der Stube im ersten Obergeschoss wurde vermutlich einmal eine Gastwirtschaft betrieben, wie das bei vielen Häusern am Landsgemeindeplatz der Fall ist.

Bild: PD

Letztlich geht es der Künstlerin aber nicht so sehr um die Geschichte der Menschen, die dieses Haus bewohnten, sondern um das – auch künstlerische – Sichtbarmachen der Veränderungen, welche das Haus im Laufe der Zeit durchlebte. Marke sagt:

Vera Marke, Malerin aus Herisau.

Vera Marke, Malerin aus Herisau.

Bild: Benjamin Manser
«Anhand der Räume und deren Abfolge, der Dimensionen und Oberflächen sowie der Materialität lassen sich verschiedene Umbauphasen erkennen.»

Es gebe mehrere Hinweise darauf, dass um die Jahrhundertwende das Haus einen radikalen Umbau erfahren hat, bei dem mittels stattlicher Investitionen auf Repräsentation und Komfort gesetzt wurde. «Auch gut denkbar, dass das Treppenhaus zu jener Zeit angebaut wurde – die Türgriffe sind jedenfalls aus dieser Epoche.» Im grosszügigen Dachstock findet man zudem eine eingebaute Firstkammer, um die herum wiederum Spuren von Umbauten ablesbar seien. «Es ist davon auszugehen, dass das Haus von einem älteren Kern aus erweitert wurde», sagt Marke.

In der Mitte des stattlichen Dachstocks ist eine Firstkammer (rechts) eingebaut. Sie ist der niedrigste Raum im ganzen Haus.

In der Mitte des stattlichen Dachstocks ist eine Firstkammer (rechts) eingebaut. Sie ist der niedrigste Raum im ganzen Haus.

Bild: PD

Restaurieren wie ein Gemälde

Bei der Restaurierung will die Künstlerin wie bei einem Gemälde vorgehen. Das heisst: «Originalsubstanz erhalten und nachvollziehbar ergänzen, wo diese fehlt.» Zudem sollen alle Eingriffe reversibel sein. Dabei sei es notwendig, die Materialität der jeweiligen Bauzeit aufzuarbeiten. Um den alten Linoleumboden zu verkleben, müsse beispielsweise ein Kleber aus Kopalharz entwickelt werden, wie er in der Zeit der Verlegung des Bodens eingesetzt wurde. Nicht zu Unrecht bezeichnet Vera Marke ihr Projekt auch als Forschungsprojekt.

Kachelofen aus den 1950er-Jahren.

Kachelofen aus den 1950er-Jahren.

Bild: PD

Nur wenige Zeit nach dem Kauf realisierte Vera Marke im Haus Dorf 10 ihre erste Ausstellung, bei welcher sie in jedem der 23 Räume ein Bild aus ihrem Inventar platzierte. Manche davon hängen immer noch an den Wänden. «Mich faszinieren die Korrespondenzen, die sich zwischen den Räumen und meinen Bildern ergaben. Manche Leute sagten mir sogar, ich hätte das Haus nur gekauft, weil es so gut zu meinen Bildern passt.»

8 Bilder

Bild: Hannes Thalmann

Das Untergeschoss will Marke in Zukunft als Bilderlager sowie als Showroom nutzen. Was mit den anderen Räumen nach der Restaurierung passiert, weiss die Künstlerin noch nicht. Sie könnte sich aber vorstellen, die beiden Obergeschosse zu einer grossen Wohnung zusammenzuführen und diese an Feriengäste zu vermieten. Auch kulturelle Veranstaltungen wie Ausstellungen oder Lesungen seien denkbar. Klar sei, dass die künftige Nutzung möglichst der hergebrachten entsprechen soll: «Das Haus soll Raum für eine gemischte Nutzung bieten und dabei Gewerbe, Arbeit, Wohnen und Gastfreundschaft unter einem grossen Dach vereinen.»

Hinweis: Das Haus Dorf 10 in Hundwil kann auf Anfrage hin besichtigt werden.

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