Das Ackerhus ist eine Schatzkiste

Vor den Bauarbeiten am Ackerhus musste dieses geräumt werden. Die Historikerin Bettina Giersberg hat dabei unter Staub und Spinnweben Schätze entdeckt, die sie überrascht und gefreut haben. Jetzt inventarisiert sie die Zehntausenden von Gegenständen mit einem Helferteam.

Mirjam Bächtold
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EBNAT-KAPPEL. Bettina Giersberg zieht sich weisse Handschuhe an, bevor sie vorsichtig das Gemälde aus dem Plastikschutz wickelt. Darauf verewigt ist eine ins Halszitherspiel vertiefte Frau. Das Ölgemälde stammt vom deutschen Künstler Karl Hofer und ist heute mehrere 10 000 Franken wert. Es ist nur einer von vielen Schätzen, die die Potsdamer Historikerin im Ackerhus gefunden hat.

Weil im Januar die Bauarbeiten für den neuen Anbau beginnen, musste das Ackerhus geräumt werden. Die Mitglieder der Stiftung Pro Ackerhus haben mit Mitarbeitern des Kulturgüterschutzes Albert Edelmanns gesamte Sammlung in einen Zivilschutzraum gebracht. Der Lehrer, Maler und Sammler hat bis zu seinem Tod 1963 im Ackerhus gelebt. Seither ist es ein Heimatmuseum. «Was wir entdeckt haben, ist aber weit mehr als der Hausrat eines Lehrers. Die Sammlung hat kulturhistorisch grossen Wert», sagt Bettina Giersberg.

Inventur gibt viel zu tun

Sie wurde von der Albert-Edelmann-Stiftung als Kuratorin angestellt, mit der Aufgabe für das Ackerhus ein neues Konzept für eine Dauerausstellung sowie Sonderausstellungen zu erarbeiten und alle Objekte zu inventarisieren. Eine Heidenarbeit: Allein die Buch- und Musikaliensammlung zählt mehrere Tausend Exemplare.

Inventarisiert ist bisher noch fast nichts. Bettina Giersberg muss die Gegenstände fotografieren, beschreiben, die Masse aufnehmen und anmerken, ob sie unbedingt in die Dauerausstellung müssen oder nicht. Dabei hat sie Unterstützung von Helfern, die alle ehrenamtlich arbeiten. Ihr Arbeitsort ist nicht der schönste, den man sich vorstellen kann, aber für die Kunstobjekte ist der Zivilschutzraum eines Schulhauses ideal. Dank der Entfeuchter kann die Feuchtigkeit gesteuert werden, die Temperatur stimmt und was ganz wichtig ist: Die Objekte sind keinem direkten Sonnenlicht ausgesetzt. Dass Albert Edelmann ein leidenschaftlicher Sammler war, hat Bettina Giersberg schon vor der Räumung gewusst.

Trotzdem war sie über die Vielfalt seiner Sammlung überrascht. Viele Gegenstände hat sie aber einfach vom Ackerhus in den Bunker gezügelt. «Beim Inventarisieren entdecke ich nun täglich Neues. Es ist fast wie eine Schatzsuche.» Einer der Schätze ist etwa eine Erstausgabe von Leonhard Eulers «Vollständige Anleitung zur Algebra» von 1770. Die zwei Bände mit den vergilbten Seiten sind vergriffen und deshalb wertvoll. Ebenso der Ausstellungskatalog der legendären Picasso-Ausstellung in Zürich von 1932. Auch die Erstausgabe von Klaus Manns «Mephisto» ist wertvoll, weil 1936 im Amsterdamer Querido Verlag nur sehr wenige Exemplare gedruckt wurden. Der mit den Nazis zusammenarbeitende Schauspieler Gustaf Gründgens, der im Buch kritisiert wird, liess weitere Drucke verbieten. Heute ist das Gemälde von Karl Hofer wertvoll, zu seiner Zeit sah der Künstler das anders. «Er schenkte es Albert Edelmann, damit dieser die Leinwand wieder benutzen könne», sagt die Kuratorin.

So steht es in Albert Edelmanns Notizen. Der deutsche Maler Karl Hofer hat 1907 und 1908 jeweils die Sommer bei Albert Edelmann verbracht und dort gemalt. Auch zu den Schweizer Künstlern Hans Brühlmann und Hedwig Scherrer pflegte Edelmann freundschaftliche Beziehungen. «Diese Freundschaften zwischen dem jungen Bergschullehrer und den Künstlern waren aussergewöhnlich. Es ist für uns ein unerforschtes und wichtiges Kapitel seines Lebens, das wir in die Ausstellung integrieren möchten.»

Von allen Künstlern finden sich mehrere Gemälde in Edelmanns Sammlung. Der aus dem Ebnater Pfarrhaus stammende Brühlmann gilt als Wegbereiter der Schweizer Moderne. Er nahm sich 1911 in Stuttgart das Leben. Seine Witwe schenkte Albert Edelmann einen Ring, den Karl Hofer für Brühlmann geschmiedet hatte. Auch dieses Schmuckstück gehört zu den Schätzen, die im Ackerhus geschlummert hatten. Als Bettina Giersberg ein Buch zur Hand nimmt, rutscht ein gefalteter Zettel heraus. Ein Brief des Autors Traugott Vogel an Albert Edelmann. Er schreibt von einem Treffen mit dem Lehrer und bedankt sich für die Gastfreundschaft. Im Buch findet sich auf der ersten Seite eine handschriftliche Widmung des Schriftstellers. «Es ist bemerkenswert, dass Edelmann auch mit namhaften Autoren bekannt war», sagt Bettina Giersberg. Traugott Vogel lebte von 1894 bis 1975 und schrieb neben Büchern auch Theaterstücke und Radiohörspiele. Der Brief, den Albert Edelmann ins Buch gelegt hat, ist nicht der einzige. «Wir haben mehrere Schachteln voller Briefe entdeckt.» Worum es im Briefwechsel zwischen Edelmann und Vogel geht, kann die Kuratorin erst nach dem Inventarisieren sagen.

Eröffnung nächsten Herbst

Nebst der Inventur erarbeitet Bettina Giersberg das Konzept für die Dauerausstellung. Der Schwerpunkt wird auf den Hausorgeln und den Halszithern liegen. Doch die vielen Schätze, die nun entdeckt wurden, will die Kuratorin den Besuchern nicht vorenthalten. Auch das Ackerhus selbst mit der barocken und biedermeierlichen Bauernmöbelsammlung wird Teil der Ausstellung und natürlich Albert Edelmanns Leben als Lehrer, Maler und Sammler. Bettina Giersberg erarbeitet zudem ein museumspädagogisches Konzept. «Wir wollen Führungen anbieten und werden mit Schulen zusammenarbeiten.

Es wäre schön, viele Objekte ohne Glas und Absperrung zu zeigen.» Ziel ist, das Kulturlokal im neuen Anbau und einzelne Teile der Dauerausstellung bereits im Herbst 2015 zu eröffnen.