«Damit liessen sich ein bis zwei AKW ersetzen.»

Nachgefragt

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Rolf Wüstenhagen ist Inhaber des Lehrstuhls für Management erneuerbarer Energien an der Universität St. Gallen. Im Gespräch äussert er sich zu den Chancen der Windenergie im Appenzellerland.

Rolf Wüstenhagen, in Oberegg gibt es bereits jetzt Widerstand gegen die geplanten Windräder. Wäre es nicht besser, das Projekt fallen zu lassen?

Nein, die Anliegen der Anwohner sollten aber gründlich geprüft werden. Es gibt ja auch einen demokratischen Entscheidungsprozess, in dem es einen sinnvollen Ausgleich zwischen den berechtigten Interessen der Betroffenen und jenen der Initianten gibt. Gleichzeitig muss aus einer übergeordneten Sicht auch eine Güterabwägung stattfinden. Letztlich hat jeder mögliche Standort Vor- und Nachteile.

Die Windenergie stösst oft auf Ablehnung. Was kann getan werden, um deren Akzeptanz zu erhöhen?

Wichtig sind faire Verfahren und eine gute lokale Verankerung. Verglichen mit anderen Projekten, die von auswärtigen Energieversorgern vorangetrieben werden, ist jenes in Oberegg stark in der Gemeinde verankert. Positiv kann es sich auch auswirken, wenn die Einwohner sich finanziell beteiligen und so an der ­lokalen Wertschöpfung teilhaben können. Manche Sorgen hängen damit zusammen, dass Windenergie in der Schweiz noch ein relativ neues Thema ist. Hier hilft ein Augenschein vor Ort, etwa an der Windenergieanlage in Haldenstein im Churer Rheintal, um sich eine eigene Meinung zu bilden.

Hat das Appenzellerland gute Voraussetzungen für die Windenergie?

Ein wesentlicher Faktor sind ausreichend hohe Windgeschwindigkeiten. Die Ostschweiz ist insgesamt nicht der windigste Landesteil, aber an ausgewählten Standorten wie in Oberegg oder im Rheintal bei Sargans sind die Voraussetzungen günstig.

Was sind die wichtigsten Vor- und Nachteile der Windkraft?

Windenergie ist klimafreundlich und schafft einheimische Wertschöpfung. Zudem ist es eine ausgereifte und damit relativ kostengünstige Technologie, die vor allem im Winterhalbjahr zur Deckung der Stromnachfrage beiträgt. Nachteile sind die Veränderung des Landschaftsbilds und das fluktuierende Angebot. Es braucht einen Mix aus Windenergie und komplementären Energieträgern wie Sonne und Wasserkraft.

Welche Rolle kann Windenergie im Rahmen des geplanten Atomausstiegs spielen?

Das kommt sehr darauf an, ob es gelingt, die langen Planungsprozesse innert nützlicher Frist zum Abschluss zu bringen. Wenn ja, könnte die Windenergie mittelfristig fünf bis zehn Prozent des Strombedarfs decken. Damit liessen sich ein bis zwei der ältesten Schweizer Atomkraftwerke ersetzen.

Windenergie ist nur dank der kostendeckenden Einspeisevergütung wirtschaftlich. Als Ökonom dürften Ihnen das nicht gefallen.

Ich hätte Freude daran, wenn der Strompreis die ökologische Wahrheit sagen würde. Das ist heute leider nicht der Fall, denn die Kosten des Klimawandels und das Risiko von Atomunfällen werden nur zu einem kleinen Teil von den Verursachern bezahlt. Die Einspeisevergütung ist quasi eine Versicherungsprämie gegen solche Risiken. (cal)