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Vor 25 Jahren an der Ausserrhoder Landsgemeinde: Damendoppel als Wahlsensation

Vor 25 Jahren wählte die Landsgemeinde mit Marianne Kleiner und Alice Scherrer die ersten Frauen in die Kantonsregierung. Lediglich fünf Jahre zuvor wurde das Frauenstimmrecht eingeführt, nun war man plötzlich Vorreiter.
Hanspeter Strebel
Die Landsgemeinde wählte 1994 Marianne Kleiner (links) und Alice Scherrer in die Regierung, auch zur Freude der damaligen Bundesrätin Ruth Dreifuss (hinten). (Bild: H9)

Die Landsgemeinde wählte 1994 Marianne Kleiner (links) und Alice Scherrer in die Regierung, auch zur Freude der damaligen Bundesrätin Ruth Dreifuss (hinten). (Bild: H9)

Vor 25 Jahren wählte die Ausserrhoder Landsgemeinde mit Marianne Kleiner und Alice Scherrer die ersten Frauen in die Kantonsregierung. Das stiess landesweit auf grosses Echo, hatte Appenzell Ausserrhoden doch erst fünf Jahre zuvor mit Hängen und Würgen das Frauenstimmrecht eingeführt. Nun war der Kanton plötzlich Vorreiter. Zaghafte Vorzeichen gab es schon. 1990, an der ersten Landsgemeinde mit Frauenvertretung, wurde Ernst Graf (FDP) als Nachfolger seines Parteikollegen Hans Mettler zum Regierungsrat gewählt. Dabei erhielt er überraschend starke Konkurrenz von der parteilosen Elisabeth Eschler, als erste Frau Gemeindepräsidentin von Bühler und eine der ersten Kantonsrätinnen. Doch noch siegte der offiziell nominierte Favorit. Auch später wurden – auch teilweise eher aus Jux – Frauennamen aus dem Ring gerufen, wie etwa Lina Gsell, als Betreiberin eines Marronistandes auf dem Herisauer Obstmarkt eine Art Dorforiginal.

1994 war die Ausgangslage dann anders und für die Frauen erstmals realistisch. Es gab eine freisinnige Doppelvakanz. Mit Alfred Stricker hatte der amtsälteste Regierungsrat nach 17 Jahren seinen Rücktritt eingereicht und mit ihm der amtierende Landammann Hans Ueli Hohl. Die FDP als damals noch beinahe unumschränkte Macht (man sprach von der «staatstragenden Partei») hatte mit dem früheren Kantonsratspräsidenten und erfahrenen Kommunalpolitiker Werner Meier aus Lutzenberg einen scheinbaren Favoriten in ihren Reihen, der wie geschaffen schien, in höchste Amt nachzurücken.

Plötzlich wurde die Kleidung zum Thema

Ein Novum an der damaligen Landsgemeinde war, dass jubelnd applaudiert und der Standort der beiden neu gewählten Frauen im Ring nicht mit Degen, sondern mit gelben Rosen gezeigt wurde, damit sie die Spiessenmannen in ihren historischen Uniformen ausmachen und auf den Stuhl geleiten konnten. Geachtet wurden nun plötzlich sogar auch auf die Kleider. So stellte René Bieri in seinem Bericht über die Feier in Herisau fest, die neue Regierungsrätin habe sich umgezogen und sei nach dem Blazer nun in einem «dezent-grünen Deuxpièces» aufgetreten.

Das war zuvor bei den bisherigen gewählten Männern nie ein Thema. Das Ambiente der Landsgemeinde, von den meisten als fröhlich-festlich begrüsst, hatte den früheren fast gottesdienstähnlichen Charakter durchbrochen. Das gefiel nicht allen, was sich in Leserbriefen äusserte. So wurde moniert, die Institution sei zu einem «Happening», einem «Zirkus» oder «Open Air» geworden und gehöre in dieser Form abgeschafft. Man könnte auch überspitzt sagen, mit der Frauenwahl sei der Tod der Landsgemeinde eingeläutet worden, der ja dann fünf Jahre später auch Tatsache wurde. (hps)

Doch es kam anders: Die Delegierten der Partei hoben die beiden einer grösseren Öffentlichkeit kaum bekannten Marianne Kleiner, Herisau, und Alice Scherrer, Grub, offiziell auf den Schild. Letztere war erst noch parteilos, ein Umstand, der allerdings kein Novum war und fast stets (wie auch hier) in einem späteren Parteieintritt endete. Werner Meier gab sich nicht geschlagen und liess sich von einem Komitee nominieren, in der Hoffnung, er habe trotzdem grosse Chancen vor dem Wahlvolk. Denn offizieller Kandidat der FDP zu sein, war eine Zeit lang fast ein Nachteil. Häufig wurde sogenannte «Wilde» gewählt. Einige Ortssektionen der Partei sprachen sich denn auch offiziell für Meier aus.

Sechs valable Kandidaten

Doch die Sache verkomplizierte sich, als sich das Kandidatenfeld stark erweiterte. Die CVP portierte mit Max Nadig einen durch sein Amt im Tourismus gut bekannten Herisauer Politiker. Im Wissen, dass sie es als kleine Oppositionskraft schwer haben würde, schien man nicht ganz chancenlos. Die SVP, die so langsam an Gewicht gewann und (mit Hilfe von Christoph Blocher und Ueli Maurer) systematisch ein Netz von lokalen Sektionen aufbaute, nominierte den Finanzfachmann und Kantonsrat Heinz Brunner und der Landwirtschaftliche Verein Hans Diem.

So waren es denn bei weitem keine Leichtgewichte, mit denen sich die beiden offiziellen FDP-Kandidatinnen im Wahlkampf auseinanderzusetzen hatten, zumal ihnen die politische Erfahrung weitgehend fehlte. Alice Scherrer war immerhin Gemeinderätin und Schulpräsidentin von Grub und sass überdies in der damaligen Verfassungskommission, allerdings ohne dort speziell aufzufallen. Die Psychologin und selbstständige Management-Beraterin Marianne Kleiner war eine komplette Quereinsteigerin. Doch den beiden Frauen gelang es mit ihrem gewinnenden Wesen einen erfrischenden Wahlkampf zu betreiben und die altgedienten Politiker in Schach zu halten, zumal sie auf kreative Unterstützer zählen durften.

Klare Siegerinnen

Es kam der 25. April 1994, ein strahlender Landsgemeinde-Sonntag in Trogen mit einer ausnehmend guten Beteiligung. Bereits im ersten Wahlgang lagen die beiden Frauen vorne, zusammen mit Landwirtschaftskandidat Hans Diem. Im dritten Wahlgang machte dann Marianne Kleiner alles klar und wurde als erste Frau in die Ausserrhoder Regierung gewählt. Das Rennen fing mit der Ausmarchung des zweiten Sitzes nochmals von vorne an, und bereits im zweiten Wahlgang war klar, dass Alice Scherrer den Stuhl vor der Kirche besteigen konnte. Hans Diem musste sich geschlagen geben, die drei weiteren Kandidaten blieben chancenlos.

Zum ersten Mal zogen Frauen in eine Ostschweizer Kantonsregierung ein und neben Bern war Ausserrhoden der zweite Kanton überhaupt mit zwei Frauen gleichzeitig in der Regierung.

Die Wahl kam unter Jubelrufen zustande und mit gelben Rosen wurden die Gewählten auf den Stuhl geleitet, wobei es von den bereits bestätigten Kollegen Küsschen gab – auch das ein Novum. Zum eigentlichen Frauentag wurde die Landsgemeinde auch durch den Besuch von Bundesrätin Ruth Dreifuss als Ehrengast, welche die Wahlgänge sichtlich erfreut von einem Balkon beobachtete und später mit den Gewählten posierte. Und da aller guten Dinge drei sind, wurde an der anschliessenden Wahl des Obergerichtes mit Jessika Kehl-Lauff eine weitere Frau neben der bestätigten Dorle Vallender ins höchste Justizgremium gewählt.

An den nachfolgenden Feiern in den Wohnorten der frisch Gekürten waren ein paar Stunden nach dem Ende Stolz und Freude der Tenor. Ulrike Naef, die Präsidentin der Frauenzentrale, überreichte Marianne Kleiner eine Tontaube mit der Bemerkung, es sei dies ein Symbol der Freiheit eines Vogels, dem man hoffentlich nie die Flügel stutzen werde. Ganz besonders war die Feier für Alice Scherrer in der Gemeinde Grub, die nun erstmals überhaupt in der Geschichte ein Mitglied in der Kantonsregierung stellte.

Bei der Departementsverteilung ein paar Tage später bekam Marianne Kleiner die Finanzdirektion zugesprochen, Alice Scherrer die Sanitätsdirektion (später Gesundheitsdepartement). Ernst Graf wechselte in die Landwirtschaftsdirektion. Beide Frauen blieben bis zum Ende in ihren Ämtern und wurden jeweils klar wiedergewählt.

Es ist ruhiger geworden um die Pionierinnen

1998, an der letzten Landsgemeinde, wurde Marianne Kleiner als Krönung zur ersten Frau Landammann gewählt. Alice Scherrer, die immer etwas in ihrem Schatten stand, tat es ihr 2003 gleich. Sie wurde in ihrer Amtszeit überdies erste Präsidentin der Schweizerischen Gesundheitsdirektorenkonferenz und war der Kopf der Ostschweiz bei der Expo 02 am Neuenburger- und Murtensee. 2003 wurde Marianne Kleiner in den Nationalrat gewählt, wo sie bis 2011 verblieb.

Heute ist es in der breiten Öffentlichkeit ruhig geworden um die Pionierinnen. Sie sind allerdings noch in sozialen und kulturellen Bereichen tätig. Nach ihnen sollte es bisher nur noch Marianne Koller-Bohl schaffen, auch sie bis zum Landammannamt. Seit deren Rücktritt ist die Ausserrhoder Kantonsregierung wieder frauenlos, obwohl es immer wieder weibliche Kandidaturen gab.

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