Corona-Krise: Ausserrhoden nimmt Privatkliniken in die Pflicht

Der Kanton Appenzell Ausserrhoden trifft für die drohende Verschärfung der Corona-Krise Vorkehrungen: Das Spital Herisau soll zum Corona-Zentrum werden. Privatkliniken müssen ihre Kapazitäten zur Verfügung stellen. Der Kantonale Führungsstab hat zudem bei der Armee ein Unterstützungsgesuch eingereicht.

David Scarano
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Auch die Klinik Gais soll Ressourcen zur Verfügung stellen.

Auch die Klinik Gais soll Ressourcen zur Verfügung stellen.

Quelle: PD

Stand Mittwoch, 14 Uhr, zählt Ausserrhoden elf Covid-19-Fälle. Zwei Personen befinden sich in Spitalpflege. Die Kantonsregierung rechnet in den kommenden Wochen mit einem starken Anstieg der Infektionen und Erkrankungen. An der Online-Medienorientierung sagte Landammann Alfred Stricker:

«Ich nehme kein Blatt vor den Mund. Die Situation, in der wir stecken, macht Angst.»
Der Ausserrhoder Landammann Alfred Stricker.

Der Ausserrhoder Landammann Alfred Stricker.

Bild: Benjamin Manser

Die Kantonsregierung hat nun eine Verschärfung der Massnahmen im Gesundheitswesen beschlossen. Sie beruft sich dabei auf der vom Bundesrat ausgerufenen «ausserordentlichen Lage». Dank dieser verfügt sie über weitreichendere Kompetenzen.

«Versorgung reicht aktuell nicht aus»

Um alle möglichen Erkrankten behandeln zu können, werden die im Kanton vorhandenen Bettenkapazitäten und Personalressourcen verfügbar gemacht. Alle Gesundheitsinstitutionen, also auch Privatkliniken wie etwa Berit in Speicher oder Hirslanden in Heiden, sind dabei von der Regierung verpflichtet worden, ihre Kapazitäten umfassend zur Verfügung zu stellen.

Gesundheitsdirektor Yves Noël Balmer

Gesundheitsdirektor Yves Noël Balmer

Benjamin Manser

Laut Gesundheitsdirektor Yves Noël Balmer plant der Kanton in Szenarien. Dabei werden die Entwicklungen im Tessin und in Norditalien genaustens verfolgt. Und alle möglichen Szenarien würden zeigen, dass die aktuelle Versorgung in Ausserrhoden im akutsomatischen Bereich in den kantonalen Spitälern Heiden und Herisau nicht ausreicht.

Herisau wird Corona-Zentrum, Armee soll helfen

Untersuchungen und Eingriffe seien nur noch in Notfällen oder wegen sehr hoher Dringlichkeit gestattet. Ebenso müssen gemäss der am Mittwoch verschickten Medienmitteilung Gesundheitsfachpersonen, die in Institutionen im Kanton arbeiten, innert 24 Stunden abrufbar sein und unterstehen einem Reisestopp. Zur Sicherstellung der Personalressourcen will der Regierungsrat zudem einen Aufruf starten, um zusätzlich qualifizierte Fachkräfte und Hilfspersonen zu rekrutieren.

Regierungsrat Balmer gab auch bekannt, dass das Spital Herisau zum Corona-Zentrum für das gesamte Appenzellerland wird. Auch Patienten aus Innerrhoden werden dort behandelt. Heiden soll hingegen keine Corona-Fälle aufnehmen. Die Triage erfolgt vor den Institutionen in Zelten.

Der Kantonale Führungsstab hat bei der Armee ein Unterstützungsgesuch eingereicht. Entsprechend ausgebildete Soldaten könnten das Pflegepersonal unterstützen. Zudem sollen sie für den Patienten- oder Sauerstoff-Transport zwischen den Spitälern eingesetzt werden.

Verwaltung für Publikumsverkehr geschlossen

Um die Ausbreitung des Virus zu unterbinden und das Personal zu schützen, sind die Schalter der kantonalen Verwaltung ab sofort für den Publikumsverkehr geschlossen. Laut Ratschreiber Roger Nobs wird die Verwaltung ihre Aufgaben aber weiterhin erfüllen. Einige Schalter können allerdings nur noch auf Voranmeldung und unter Einhaltung der Empfehlungen des Bundesamtes für Gesundheit betreffend Hygiene und Distanz besucht werden. Laut Mitteilung sind dies Passbüro, Strassenverkehrsamt, Handelsregister, Arbeitslosenkasse, Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde.

Wie in weiten teilen der Privatwirtschaft arbeiten die Mitarbeitenden der Verwaltung neu wann immer möglich von zu Hause aus. Die Beratungsgespräche auf dem regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) werden beispielsweise nur noch telefonisch geführt. Falls die Verwaltung wegen Corona-Erkrankungen an ihre Grenzen stosse, werden laut Ratschreiber Roger Nobs die Aufgaben priorisiert.

Kitas sollen mehr Kinder aufnehmen

Den Lehrern und Eltern stellte Landammann Alfred Stricker nach der Umstellung auf den Fernunterricht ein gutes Zeugnis aus. Seit Montag findet der Unterricht vorwiegend über digitale Medien oder in Form von Repetitions- und Projektaufträgen statt.

Laut Yves Noël Balmer funktioniert auch die ausserschulische Betreuung der Kinder derzeit in Ausserrhoden. Das Angebot soll aber ausgebaut werden. Der Kanton befinde sich mit den Kitas in engem Austausch, damit diese mehr Kinder aufnehmen.

Wie es im Communiqué heisst, dürfen die Kindertagestätten nur mit der Einwilligung des Kantons schliessen. Zum jetzigen Zeitpunkt seien alle ausserrhodischen Kindertagesstätten noch geöffnet.

30 Gesuche für Kurzarbeit bewilligt

Sorgen bereitet der Regierung hingegen die wirtschaftliche Situation. Vor allem Klein- und Kleinstbetriebe sind in existenzielle Nöte geraten. Beim Amt für Wirtschaft und Arbeit und bei der Arbeitslosenversicherung sind 75 Gesuche um Kurzarbeit bearbeitet worden. Bewilligt wurden bisher 30 Gesuche. Davon betroffen sind rund 220 Arbeitsstellen.

Nun sucht der Kanton in Zusammenarbeit mit der Stiftung Wirtschaftsförderung AR nach raschen Lösungen, um Betrieben mit Liquiditätsproblemen zu helfen. Einen Hilfsfonds gibt es laut Daniel Lehmann, Leiter Amt für Wirtschaft, derzeit nicht.