Circus Maximus für Jesus Christus

Wer schon einmal in seiner Funktion als Götti oder Gotti vor Weihnachten ein Geschenk für sein Patenkind gesucht hat, der weiss, dass dies vielleicht der vernünftigste Grund ist, der gegen die zielorientierte Vermehrung spricht.

Alex Baumann
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Bild: Alex Baumann

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Wer schon einmal in seiner Funktion als Götti oder Gotti vor Weihnachten ein Geschenk für sein Patenkind gesucht hat, der weiss, dass dies vielleicht der vernünftigste Grund ist, der gegen die zielorientierte Vermehrung spricht. In einer Mischung aus Hektik und Chaos entbrennt in den Spielzeugarenen ein wütender Kampf um die bestmögliche Wunscherfüllung, die in den Haushalten zu einer zwischenzeitlichen Steigerung des Bruttosozialglücks führen soll. Eltern werden verflucht, dass es beim Geschenk für ihren Spross ausgerechnet diese eine spezielle Marke sein muss. Noch mehr verflucht werden nur Eltern, die keinen konkreten Wunsch äussern und den Götti bei seiner Suche nach dem heiligen Gral der Kinderbefriedung auf sich selbst gestellt lassen. Erwarten die Eltern etwas pädagogisch Wertvolles, oder darf es auch etwas Lustiges sein? Bei Freunden, Partnern oder Geschwistern kann man sich wenigstens zur Erleichterung beider Seiten darauf einigen, dass man zu diesen Weihnachten auf Geschenke verzichtet, doch Kinder verstehen diese Art der Logik (noch) nicht. Wer möchte schon unter seinem Foto im Album den Eintrag «Zerstörer meiner ersten Erwartung im Leben» finden? Und schliesslich will man sich als Götti bei der Wahl des Geschenks auch nicht vom Gotti übertrumpfen lassen, zumal zu ihr nicht einmal eine genetische Verwandtschaft besteht. Also kämpft man sich trotzig, wenn auch zunehmend ausbrennend weiter durch die Regale von potenziellen Staubfängern und postpubertären Muldenfüllern, vorbei an den ebenfalls desillusionierten Gesichtern der restlichen Götti-Gladiatoren. Wie von 100 Bobby-Cars überfahren, verlasse ich das Geschäft nach einer gefühlten Ewigkeit mit dem gewünschten Geschenk und kaufe mir als erstes ein Kinderüberraschungsei, da weiss man wenigstens, was man hat.