Churfirstenadler stutzt Austriageier

Heute Samstag fliegt Doppelolympiasieger Simon Ammann mit Skisprung-Disziplinenchef Gary Furrer nach Vancouver. Am Montag reisen Trainer Martin Künzle und Andreas Küttel an die Olympischen Spiele. Die Zuversicht ist beim Quartett gross.

Urs Huwyler
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Simon Ammann und Martin Künzle (links) wollen als typische Toggenburger den Österreichern in Vancouver die Flügel stutzen. (Bild: uhu)

Simon Ammann und Martin Künzle (links) wollen als typische Toggenburger den Österreichern in Vancouver die Flügel stutzen. (Bild: uhu)

Toggenburg. Es wurde viel gelacht beim letzten gemeinsamen Auftritt des kleinen aber feinen Schweizer Skispringer-Teams. Die Helden der Lüfte hatten sich als Künstler mit Farbe und Pinsel versucht. Für das naive, abstrakte und vor allem symbolische Züge aufweisende Werk flossen im Beisein des früheren Wildhauser Weltklassespringers Stefan Zünd 13 000 Franken in die Disziplinen-Nachwuchskasse. 10 000 Franken wurden intern erhofft.

Wobei der Wildhauser Martin Künzle bei der Beurteilung der kreativen Fähigkeiten nicht auf Konfrontationskurs ging und sich für die künstlerische Kritik als «nicht zuständig» bezeichnete. Er wollte wohl kurz vor dem Saisonhöhepunkt nicht am Selbstvertrauen der möglichen Olympiastars kratzen...

Himmel-Maler Andreas Küttel übernahm deshalb mit einem Schmunzeln stellvertretend die klärenden Worte: «Wie viele Sportler habe ich in der Schule nur im Zeichnen und Turnen die Note 6 erhalten.

Das zeigt, welchen Weg wir nach dem Rücktritt einschlagen werden.» Vor allem Simon Ammann aus Unterwasser hat seit Wochen Oberwasser und beweist, dass Fliegen für Menschen eine Kunst ist. Der Churfirstenadler segelt den mächtigen Austriageiern auf deren Jagd nach Siegen trotz der kleineren Spannweite oft davon, stutzt ihnen die Flügel, schnappt ihnen die Beute immer wieder vor dem Schnabel weg und behält die Oberluft.

Spitzbübische Taktiker

Jetzt setzt der Toggenburger mit seinem Trainer die Schlierenzauers und Koflers frech noch unter Druck und lässt das Springen in Willingen aus. «Ich kann mich dadurch in aller Ruhe vorbereiten und eine Woche vor Ort akklimatisieren», lächelt der 29jährige Weltcup-Leader spitzbübisch. Kollege, Trainer und Taktiker Martin Künzle gibt ebenso schmunzelnd einen Teil der Strategie preis: «Wir müssen nichts nachholen. Simon wird bei den Spielen als Letzter springen können.

Dies sehe ich als Vorteil.» Auf dem Bild widmete sich der eher technisch-mathematisch ausgerichtete königliche Überflieger symbolisch der in den Himmel ragenden Anlaufspur.

Die Österreicher können seit Simon Ammanns Triumph vom vergangenen Mittwoch in Klingenthal nicht mehr agieren, sondern nur noch auf die Vorgaben ihres Rivalen reagieren.

Erstaunlich, wie die beiden Nachfolger des in Schweden lebenden Olympia-Zweiten Walter Steiner mit Disziplinenchef Gary Furrer zusammen die stärkste Mannschaft der Welt unter Dauerstress zu halten vermögen. Zumal die Formkurve des nationalen Hoffnungsträger weiter aufwärts zeigt und seine Herausforderer zu schwächeln beginnen.

Gallier gegen Römer

Bei Asterix und Obelix flögen Ammann/Künzle in Kanada als Vertreter der Gallier olympisch, den Österreichern bliebe die undankbare Rolle der selbstbewusst auftretenden und am Ende in die Flucht geschlagenen Römer. «Warten wir ab, was passiert», nimmt Martin Künzle etwas Wind aus dem Duell, «ich hoffe nur, dass die Verhältnisse regulär bleiben und wir sportlich faire Wettkämpfe erleben. Dann bin ich zuversichtlich, dass es eine Medaille geben könnte.

» «Simi flieg», soviel lässt sich voraus sagen, wird in Vancouver am Mann bleiben und fliegen. «Im Vergleich zu Turin bin ich erfahrener und routinierter geworden. Auch die Vorfreude ist grösser, das Gefühl, an Olympische Spiele zu reisen, viel intensiver. Seit Wochen läuft alles nach Plan. Ich kann also zuversichtlich sein.» Für den fünffachen Saisonsieger scheint alles möglich.

All jenen, die ihm im ersten Wettkampf auf der kleinen Schanze wenig zutrauen, sei in Erinnerung gerufen: Simon Ammann wurde 2002 in Salt Lake City Doppel-Olympiasieger.

Designer Schlierenzauer

Als härtesten Gegner sehen 99 Prozent der Skispringer-Freunde Gregor Schlierenzauer. Der eitle Tiroler («Gehe nie aus dem Haus, ohne zweimal in den Spiegel zu schauen») kann zwar nach eigenen Aussagen nicht zeichnen, bringt aber am 8. Februar rechtzeitig vor den Winterspielen eine eigene Modelinie (GS) auf den Markt.

«Es gibt nicht nur Gregor», kontert die Churfirsten-Fraktion und erwähnt stellvertretend den wieder erstarkten Adam Malysz.

Der Pole gewann 2000/01 elf Weltcup-Springen, den Gesamtweltcup, den WM-Titel auf der Normalschanze und die Vierschanzentournée. Simon Ammann sagte damals, er wolle einmal so konstant springen wie Adam. Der Traum, dass sie 2010 wie 2002 auf der Grossschanze erneut gemeinsam auf dem Podest stehen werden, lebt. Dem gestutzten hochkarätigen Team aus der Alpenrepublik bliebe damit maximal Bronze.

Sofern der dritte Podestplatz nicht an Janne Ahonen, einen Norweger, Robert Kranjec oder Künstler Andreas Küttel ginge.

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