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Chuddern hilft jungen Tannen

Seit über 20 Jahren werden junge Weisstannen in den Wäldern im Gebiet Schönenberg vor dem Rehverbiss im Winter geschützt. Daran beteiligen sich Jäger und Waldeigentümer. Beim sogenannten Chuddern wird Hanf eingesetzt
Olivia Hug
Ein eingechudderter Terminaltrieb. (Bild: Olivia Hug)

Ein eingechudderter Terminaltrieb. (Bild: Olivia Hug)

WATTWIL. Das Reh ist heikel. Es frisst, was leicht verdaulich ist. Gräser und Knospen, Laubtriebe, Keimlinge und junge Forstpflanzen. Zu seinen Leibspeisen im Winter gehört die oberste Knospe der jungen Weisstanne, im Forstwesen Terminaltrieb genannt. Mit diesem Fressverhalten macht sich das Reh bei Waldeigentümern und Förstern nicht gerade beliebt, wenn diese im Frühling auf die verbissenen Jungtannen stossen, aus denen in den meisten Fällen keine schönen, starken Weisstannen mehr werden. Zwar mögen die immergrünen Nadelbäume, die ihre Winterreserven anders als Laubbäume nicht im Stamm anlegen, neue Triebe an anderer Stelle bilden, den Verbiss ihres Haupttriebes verkraften sie aber nur schwer.

Um zu verhindern, dass das Rehwild der Waldverjüngung entgegenwirkt, arbeiten der Förster, die Jäger und die Waldeigentümer im Gebiet Schönenberg oberhalb Wattwils seit vielen Jahren zusammen. Jedes Jahr im Herbst organisieren sie einen Chuddertag, an welchem die jungen Weisstannen mit Verbissschutzmaterial eingewickelt – eingechuddert – werden. Daran beteiligt sind auch Mitglieder der Boeschenstiftung, die in diesem Gebiet mehrere Parzellen Wald besitzt.

20jährige Zusammenarbeit

Die Ursprünge des Chuddertags gehen auf das Sturmereignis Ende Februar 1990 zurück. Damals warf «Vivian» in der Gemeinde Wattwil rund 8 000 Festmeter Holz. Im Schönenberg war die Betroffenheit gross. Der Schaden wurde mit erneutem Sturmholz in folgenden Jahren und der Zwangsnutzung durch den Borkenkäfer grösser. Das Holz wurde zwar aufgerüstet und, so gut es ging, verkauft, doch was blieb, waren grosse Sturmholzflächen. Wildhut, Forst, Waldeigentümer und die damalige Jagdgesellschaft Wattwil Schattenhalb taten sich zusammen, um Massnahmen zu ergreifen. Ergänzungspflanzungen wurden vorgenommen und das Rehwild wurde in den Sturmflächen gezielt bejagt, indem Bejagungsschneisen angelegt und Hochsitze errichtet wurden. 1994 unterstützten die Jäger die Waldeigentümer erstmals an einem Chuddertag. Seither findet dieser jedes Jahr statt und die gute Zusammenarbeit aller Beteiligten hält bis heute an. Teils arbeiten heute noch dieselben Personen wie vor 20 Jahren zusammen. Für Peter Eicher, Obmann des Jagdreviers Wattwil-Schönenberg, eine Selbstverständlichkeit: «Ein gutes Verhältnis zu den Waldeigentümern ist für uns Jäger von zentraler Bedeutung.» Aus Anlass des Themenschwerpunkts Wald-Wild, den sich das Kantonsforstamt und das Amt für Natur, Jagd und Fischerei im Jahr 2015 gesetzt haben, ist die Teilnahme am diesjährigen Chuddertag vergangenen Samstag auf die Öffentlichkeit ausgeweitet worden. Unter fachkundiger Begleitung von Revierförster Ernst Ammann, Regionalförster Christof Gantner, Wildhüter Benedikt Jöhl und Jagdobmann Eicher durften die Gäste den Chudder verteilen.

Schutzbedürftige Weisstanne

Dem Chuddern liegt ein simples Prinzip zugrunde. Als Verbissschutzmaterial dient Industriehanf, mit dem der Terminaltrieb leicht eingewickelt wird. Das Material kitzelt die Rehe an der Nase, so dass diese die Knospe nicht mehr fressen. Gechuddert werden nur Weisstannen – von der kleinsten bis zu den rund zweieinhalb Meter hohen, denn erst diese sind vor dem Verbiss durch Rehe sicher. Systematisch gehen die Helferinnen und Helfer durch den Wald in den Gebieten Chalchofen, Läui und Hüttenbühl. Die Region biete einen idealen Wildlebensraum, sagt Wildhüter Jöhl. Die Lebensräume seien gut verzahnt, strukturreich und bieten reichlich Nahrung.

Neben den mal ausgelichteten, mal eher schattigen Waldflächen finden sich offene Rietflächen. «Schutzbietende Deckung liegt nie weit von den offenen Flächen entfernt.» Stellenweise stösst man auf ganze Weisstannen-Nester. Gechuddert werden alle, selbst wenn nie alle Bäume auf so engem Raum auswachsen werden. «Es kann immer noch entschieden werden, welche Tannen geholzt werden», sagt Revierförster Ammann. Die Jungwaldpflege sei für Weisstannen ohnehin wichtig, denn die im Toggenburg geeignete beständige Baumart wächst so langsam, dass sie schnell von der Buche oder der Rottanne überholt und zurückgedrängt wird.

Erfolg und Rückschlag

Chudderen ist eine Tätigkeit für die übernächste Generation. Das Resultat aus der aufwendigen Arbeit sehen erst die Enkelkinder. Erste Erfolge aus der kontinuierlichen Arbeit, die vor 20 Jahren begonnen hat, sind heute aber schon gut sichtbar. In einem Waldabschnitt, wo Eigentümer Peter Britt 1990 grosse Schäden zu verbuchen hatte, stehen die jungen Tannen gut drei Meter hoch. «Die Arbeit hat sich gelohnt», sagt er. «Jetzt habe ich einen schönen Wald mit wenig Verbiss.»

Dass bei einer so langjährigen Aktion aber nicht nur Erfolge, sondern auch Rückschläge verkraftet werden müssen, weiss der Wattwiler Revierförster Ernst Ammann nur zu gut. Vor vier Jahren hatte er seinen Augen nicht getraut, als ein grosser Abschnitt über den Winter massiv zurückgebissen wurde. Damals machte sich aber nicht nur das Reh, sondern auch der Hirsch an den Tannen zu schaffen, der einen weit weniger empfindlichen Magen hat und auch grössere Seitentriebe und Baumrinde frisst.

Die abgeknabberten Triebe schliesslich erleichterten es dem Rehbock, sein Geweih an den Stämmen zu reiben, und so kam zusätzlich das Verfegen zum Schaden hinzu.

Ernst Ammann in einem verjüngten Waldstück. (Bild: Olivia Hug)

Ernst Ammann in einem verjüngten Waldstück. (Bild: Olivia Hug)

Eine verbissene junge Weisstanne. (Bild: Olivia Hug)

Eine verbissene junge Weisstanne. (Bild: Olivia Hug)

Wildhüter Benedikt Jöhl hilft beim Anbringen des Hanfs engagiert mit. (Bilder: Olivia Hug)

Wildhüter Benedikt Jöhl hilft beim Anbringen des Hanfs engagiert mit. (Bilder: Olivia Hug)

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