Seine Kunst beginnt vor Ort, nicht erst im Atelier: Innerrhoder Werkbeitrag an Christian Hörler überreicht

In seinem Kunstprojekt «Die Säule» unternimmt Steinbildhauer Christian Hörler eine aussergewöhnliche Recherche. Ein Porträt.

Claudio Weder
Hören
Drucken
Teilen
Christian Hörler vor dem Kunstmuseum Appenzell, wo er als freier Mitarbeiter tätig ist.

Christian Hörler vor dem Kunstmuseum Appenzell, wo er als freier Mitarbeiter tätig ist. 

Bild: Claudio Weder

Mit seinem Projekt «Die Säule» hat Christian Hörler die Jury überzeugt. Am Samstagabend wurde ihm der mit 10000 Franken dotierte Werkbeitrag der Innerrhoder Kunststiftung überreicht. «Sein Projekt hat die Kraft, unsere Aufmerksamkeit auf Orte und Dinge zu lenken, die da sind, aber nicht wahrgenommen, übersehen werden», hielt Eduard Hartmann, Präsident der Innerrhoder Kunststiftung, in seiner Ansprache fest. Mit jenen Orten sind Steinbrüche gemeint, die Ursprungsorte desjenigen Materials, das den gelernten Steinbildhauer seit seiner Ausbildung wie magisch anzieht.

Stillgelegte Steinbrüche im Appenzellerland ausfindig machen und diese auf geologische, bau- und sozialgeschichtliche Aspekte hin befragen – das will der 37-Jährige in seinem Projekt. Die Idee dazu kam ihm auf einer Reise durch Armenien im vergangenen Jahr, während derer er mehrere Abbaugebiete rund um die Stadt Jerevan besichtigte. Besonders angetan war Hörler vom in dieser Region typischen vulkanischen Tuffgestein, dessen Farbe ihn an Fleischkäse und dessen Oberfläche an Kuchen erinnerte, und das er in der Folge zu sammeln begann.

«Eine Bestätigung von öffentlicher Seite»

«Daraufhin entstand die Idee, ein ähnliches Projekt auch im Appenzellerland durchzuführen», sagt Hörler. Über das Studium geotechnischer Karten sei er auf einige interessante Gebiete – etwa in der Nähe von Wald oder Eggerstanden – gestossen, an denen einst Nagelfluh und Sandstein abgebaut wurden. Bevor Hörler diese Abbauorte besucht, will er aber vorerst den Winter dazu nutzen, um die nötigen Infos zusammenzutragen. Bücherwälzen in Bibliotheken und im Kantonsarchiv sowie Gespräche mit Fachpersonen sollen ihm dabei helfen.

Der Innerrhoder Werkbeitrag ermögliche ihm, das Projekt von A bis Z zu realisieren. Letztlich sei der Werkbeitrag aber nicht nur ein monetäres Geschenk: «Er ist für mich eine Bestätigung von öffentlicher Seite, ein Zeichen der Wertschätzung gegenüber meinem Projekt.»

Letztlich soll Hörlers Arbeit aber nicht bloss eine Dokumentation mit Texten, Bildern und Karten beinhalten. «Sofern es die Bedingungen zulassen, möchte ich vor Ort einen Stein entnehmen, bearbeiten und als Säule aufstellen», sagt er. Letztere soll dann während einiger Monate öffentlich zugänglich sein – gleich vor Ort, nicht in einem Museum. Noch ist das Projekt allerdings nicht ganz ausgereift, wie Hörler weiter sagt. So seien etwa noch Abklärungen nötig, vor allem was die Zugänglichkeit der Steinbrüche sowie die Möglichkeiten zur Entnahme und zum Transport der Steine vor Ort anbelangt.

In der Werkstatt zuhause

Christian Hörler ist in Meistersrüte aufgewachsen, heute wohnt er gemeinsam mit seiner Partnerin in einem alten Bauernhaus in Wald. Seit mehreren Jahren nun ist er als freischaffender Künstler tätig. Wie genau es dazu kam, kann Hörler nicht sagen. «Eines hat das andere ergeben.» Er habe sich aber schon immer gerne handwerklich betätigt, sagt er und erinnert sich an die Werkstätten seines Vaters und Grossvaters, die er als Kind oft besuchte.

Dies – und noch ein paar Menschen und Begegnungen mehr – habe letztlich wohl den Ausschlag dafür gegeben, dass nach dem gestalterischen Vorkurs und einer Lehre zum Dekorationsgestalter in ihm bald der Wunsch aufkam, Bildhauer zu werden. Nach der Ausbildung machte er sich selbstständig, verdiente sein Brot zunächst durch Auftragsarbeiten im Baubereich. Auch heute erledigt Hörler noch Auftragsarbeiten. Wenn auch sie heute vor allem eines sind: eine wohltuende Ergänzung zum freien Künstlerdasein.

Über den Umgang mit Ressourcen nachdenken

Im Zentrum von Hörlers künstlerischem Schaffen steht stets das Material selber. Gar so sehr, dass meist das Material die Idee vorgibt, nicht umgekehrt. Neben Stein arbeitet Hörler auch mit Gips oder Lehm.

«Immer wieder ergeben sich Berührungspunkte zwischen früheren Arbeiten und meinem aktuellen Projekt», sagt Hörler. So greift er in «Die Säule» etwa auch den Aspekt der Endlichkeit des Materials wieder auf, welchen er auch in früheren Filzstiftzeichnungen zum Ausdruck brachte, bei denen er so lange mit dem Stift malte, bis keine Farbe mehr übrig war. Die künstlerische Arbeit am Steinbruch wird – so betrachtet – ebenso zu einer Reflexion über die Endlichkeit natürlicher Ressourcen, indem Hörler über die Verwendung von Baustoffen und den Umgang mit der Natur nachdenken lässt.

Vielmehr aber noch zeigt Hörler damit, dass seine Kunst bereits vor Ort beginnt. Und nicht erst im Atelier.