«…Cholera und noch zirka 15 Fr. Geld»

Wer dieser Tage einen Blick in die Zeitung wirft, den Ausland- oder Inlandteil zur Hand nimmt, der wird mit Sicherheit von Migranten lesen, die in grosser Zahl nach Europa strömen, die die Grenze zur Schweiz überschreiten und, wenn ihr Asylverfahren einmal läuft, in den Gemeinden des Kantons Aufnahme finden.

Serge Hediger
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Berichtete vom Leben der Schweizer Auswanderer nach Übersee: Zeitung «Der Kolonist» aus Lichtensteig. (Bild: pd)

Berichtete vom Leben der Schweizer Auswanderer nach Übersee: Zeitung «Der Kolonist» aus Lichtensteig. (Bild: pd)

Wer dieser Tage einen Blick in die Zeitung wirft, den Ausland- oder Inlandteil zur Hand nimmt, der wird mit Sicherheit von Migranten lesen, die in grosser Zahl nach Europa strömen, die die Grenze zur Schweiz überschreiten und, wenn ihr Asylverfahren einmal läuft, in den Gemeinden des Kantons Aufnahme finden.

Aber lesen wir doch genauer:

«Noch einiges über das Elend der Einwanderer, von welchem ich selbst Augenzeuge bin und aus zuverlässiger Quelle habe. Man rechnet, es seien von den vielen tausend Einwanderern, die seit dem Juli hier angekommen, kaum mehr 1/2 am Leben und von diesen lebe eine grosse Zahl im grössten Elend.

Es kam Bericht in unser Haus, es sei eine Familie angekommen, die sich nicht zu rathen noch zu helfen wisse. Ich ging auch selbst hin und traf eine Familie, die Frau krank auf Brettern liegend, zirka 60 Jahre alt, eine Tochter von 17 Jahren, zwei Söhne, welche Kretins waren, der Mann auf dem Weg hierher an der Cholera gestorben, und noch zirka 15 Fr. Geld.

Inzwischen befinden sich drei Familien hier mit 18 Kindern, die Männer gestorben, und alle ohne Geld. Es wird hier täglich von thätigen Mitgliedern der hiesigen Unterstützungsvereins Suppe an solche Arme ausgetheilt, vielen von ihnen muss Wohnung/Holz und alles angeschafft werden. Das Elend ist noch gestiegen durch die grosse Kälte. Unvermögliche Leute sollen sich die Sache wohl überlegen, bevor sie leichtsinnig auswandern. In Summa, wer es nicht gesehen hat, hat keinen Begriff, welchem Elend diese Leute ausgesetzt sind, bis sie sich einmal ein wenig zurecht finden. Es ist jetzt im allgemeinen eine sehr schlechte Zeit.»

Dieser Bericht erschien am 14. April 1855 in der Wochenzeitung «Der Kolonist – Organ für die schweizerische Auswanderung, insbesondere nach Nord- und Südamerika». Herausgegeben wurde das Blatt in Lichtensteig vom Drucker J. M. Wälle. Und der Autor dieser – hier zusammengefassten – Zeilen ist, wie die Redaktion betont, ein «achtungswerther und mit vielem gesunden Menschenverstande begabter Mann»: ein gewisser Heinrich Götti aus Wildhaus. Ausgewandert nach St. Louis USA sandte er von dort aus die Nachrichten über das traurige Leben seiner Schweizer Landsleute im Exil als Brief zurück nach Hause.

Für jemanden, der letzte Woche in Lichtensteig das Podium «Asylchaos oder alles im Griff?» besucht hat, ist Göttis Bericht eine Art Déjà-vu mit 160jähriger Verzögerung.

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