BÜTSCHWIL: Hundeleben für die Schweine?

Der Tierschützer Erwin Kessler erhebt Vorwürfe gegen einen Bütschwiler Betrieb. Es sei alles konform mit der Tierschutzgesetzgebung, sagt der Geschäftsführer.

Martina Signer
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Das Magazin «VgT-Nachrichten» des Tierschützers Erwin Kessler ist auch in Toggenburger Briefkästen gelandet. Auf den Bildern sind laut Kessler Zustände zu sehen, unter denen die Schweine in diesem Bütschwiler Betrieb «ein Leben lang leiden». (Bild: Martina Signer)

Das Magazin «VgT-Nachrichten» des Tierschützers Erwin Kessler ist auch in Toggenburger Briefkästen gelandet. Auf den Bildern sind laut Kessler Zustände zu sehen, unter denen die Schweine in diesem Bütschwiler Betrieb «ein Leben lang leiden». (Bild: Martina Signer)

Eng und dreckig sieht es aus, auf den Fotos eines Schweinestalls einer Bütschwiler Firma. Die Schweine selber sind hingegen einigermassen sauber. Sie stehen, respektive liegen, auf Spaltenböden, die dafür sorgen, dass ihr Urin und der Kot abläuft. Die Bilder stammen nicht von unserer Zeitung, sie sind im Magazin des Thurgauer Tierschützers Erwin Kessler abgedruckt, dessen Aussagen immer wieder zu Kontroversen führen. Exemplare dieser Ausgabe sind auch in Toggenburger Briefkästen gelandet. Schweine sind laut Erwin Kessler hochintelligente Tiere, die man hier auf engstem Raum einpferche. Kessler ist Präsident des von ihm gegründeten Vereins gegen Tierfabriken (VgT). Er eckt mit seinen Ansichten zum Thema Tierschutz immer wieder an.
 

«Tiere vegetieren in einer düsteren Schlucht»

Für die aktuelle Ausgabe der «VgT-Nachrichten» hat sich Kessler die Bütschwiler Unternehmung als Beispiel ausgesucht. «Wir haben den Betrieb schon lange im Visier, er ist sehr auffällig, für uns von weitem als Tierfabrik erkennbar. Aber er wurde uns auch von Dritten gemeldet. Die Tiere vegetieren ihr ganzes Leben sozusagen in einer düsteren Schlucht», schreibt Kessler auf unsere per Mail gestellte Anfrage. Eine Telefonnummer ist auf der Webseite des VgT nicht auffindbar. Die bestmögliche Kurzbeschreibung eines solchen Betriebs ist laut Kessler «Tier-Konzentrationslager».

Beim Veterinäramt des Kantons St. Gallen will man sich nicht zu einzelnen Betrieben äussern. Zur Verfügung gestellte Merkblätter lassen aber den Schluss zu, dass der Betrieb kaum gegen Tierschutzgesetzgebungen verstösst. Kesslers Kritik scheint denn auch eher auf die Gesetzgebung an sich abzuzielen: «Der Betrieb wurde von uns als Beispiel gewählt, wie Schweine in der Schweiz zum grössten Teil gehalten werden. Da die Vorschriften in der Tierschutzverordnung des Bundesrates praktisch alles erlauben, ist demzufolge immer alles ‹tierschutzkonform›. Das betrifft auch die viel zu engen Platzverhältnisse in solchen Mastbetrieben. Und genau darüber wollen wir mit den immer wieder neuen Beispielen informieren.»
 

Geschäftsführer hat nichts zu verbergen

Der Geschäftsführer ist auf Anfrage bereit, den Betrieb zu zeigen. «Ich habe nichts zu verbergen», sagt er. Sein Betrieb sei tierschutzkonform. Beim Besuch ist auch der Betriebsleiter anwesend. Kessler schleiche, laut Aussage der beiden Verantwortlichen, immer wieder um den Betrieb, der nach der heutigen Gesetzgebung geführt werde. «Wir werden auch regelmässig kontrolliert.» Die Besuche der Qualitätskontrolleure sind auf einem Dokument eingetragen und unterschrieben. Auch die Journalistin, der ein Blick hinter die Kulissen gewährt wird, muss sich eintragen. Sie bekommt Plastiküberzieher für die Schuhe, eine Pelerine und eine Haube auf den Kopf.

Dann zeigt der Betriebsleiter die Futtermischmaschinen, in welchen Schotte und Futtermehl zu einer Fertigfuttersuppe gemischt wird. Das Ganze ist computergesteuert. Gras, Heu und Stroh kennen die Tiere, die hier gemästet werden, nicht. Sie kennen auch keinen weichen Untergrund, auf dem sie liegen könnten. «Alles gesetzeskonform», betont der Geschäftsführer. Fotos lässt er jedoch keine machen. Der Betrieb wirkt aufgeräumt und bis auf die natürlichen Ausscheidungen der Schweine und ein paar Spinnweben sauber.

Trotz Betonböden und flüssigem Futter, trotz des Fehlens von Einstreu, der engen Platzverhältnisse und der spärlich vorhandenen Beschäftigungsmöglichkeiten, alles tierschutzkonform, scheinen die Tiere gar nicht so unglücklich, wie es Erwin Kessler in den «VgT-Nachrichten» zum Thema Massentierhaltung beschreibt. Keine Anzeichen von Lethargie, keine Bissspuren an Schwänzen und Ohren, wie es in solchen Betrieben aufgrund der engen Platzverhältnisse vorkommen kann.

Die Schweine reagieren zwar nervös auf die ihnen unbekannte Person, doch wenn die Mitarbeiter auf sie zukommen, bleiben sie ruhig, sie recken gar ihre Schnauzen zu den Händen hin, die sie streicheln. «Schweine können mehr als quieken und grunzen. Wenn sie glücklich sind, bellen sie sogar», ist auf der Facebook-Seite von «Vier Pfoten» nachzulesen. Und das tun sie. Sehr laut. Sie springen umher, scheinen Spass daran zu finden, sich flegelhaft zu schubsen.
 

Baubewilligungen für Auslauf nicht erhalten

Haustiere haben wohl ein abwechslungsreicheres Leben als Mastschweine. «Da muss man differenzieren. Schweine sind keine Haus- sondern Nutztiere», sagen die Verantwortlichen des Betriebs. Dass das Tierschutzgesetz zu lasch sei, dieser Meinung sind die Verantwortlichen nicht. «Auch wir fänden es schöner, wenn die Tiere nach draussen könnten.» Die Baubewilligung für einen Auslauf hätten sie aber nicht erhalten. Dennoch kommen bald Umbauarbeiten auf den Betrieb zu. «Bis September 2018 werden wir die Boxen anpassen müssen. Zwei Drittel des Untergrundes muss dann Festboden sein. Ein Drittel darf noch Spalten aufweisen, damit Kot und Urin ablaufen können.»

Den Kommentar von Redaktorin Martina Signer lesen Sie hier.
 

Die Organisation Vier Pfoten hat uns folgende Stellungnahme zukommen lassen: "Aus Sicht von Vier Pfoten ist die industrielle Schweinehaltung auf Spaltenboden generell als nicht artgemäss zu betrachten, auch wenn das Schweizer Gesetz eine solche Haltung leider zulässt. Schweine – von Natur aus saubere Tiere – werden in Vollspaltensystemen ohne Einstreu und ohne getrennte Funktionsbereiche (für Koten/Harnen/Aktivität und Liegen) gehalten. Natürliche Verhaltensweisen wie Wühlen sind nicht möglich, Verletzungen an den Klauen bzw. Schwellungen sowie krankhafte Veränderungen an der Lunge sind häufig. Was die Schweine bräuchten ist deutlich mehr Platz als laut Schweizer Gesetzgebung vorgeschrieben, Rückzugsmöglichkeiten, eingestreute Liegeflächen, Beschäftigungsmaterial wie Raufutter und Stroh, frische Luft, Auslauf im Freien und Tageslicht. Wir möchten ausdrücklich darauf hinweisen, dass Vier Pfoten den beschriebenen Betrieb nicht gesehen und mit den erwähnten Interpretationen im Artikel nichts zu tun hat."