Bürgerschreck Teil zwei

Olli sass erwartungsvoll auf seinem Stuhl. Sein Gesprächspartner räusperte sich und kratzte verlegen seinen Nacken. «Gut», sagte er. «Dann versuchen wir es ganz direkt. Meine Frage ist: Sind Sie Anarchist?» «Das ist wieder so ein grosses Wort. Was meinst Du, wenn Du Anarchist sagst?»

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Olli sass erwartungsvoll auf seinem Stuhl. Sein Gesprächspartner räusperte sich und kratzte verlegen seinen Nacken.

«Gut», sagte er. «Dann versuchen wir es ganz direkt. Meine Frage ist: Sind Sie Anarchist?»

«Das ist wieder so ein grosses Wort. Was meinst Du, wenn Du Anarchist sagst?»

«Gewaltbereite Nichtsnutze, die den Sozialstaat ausbeuten», schoss es aus dem Pfarrer hervor.

Olli guckte ziemlich irritiert. Mir schien, als ob er von einem Pfarrer mehr erwartet hätte. Oder zumindest anderes. «Wenn Du meine Flugblätter gelesen hast, dann müsste Dir aufgefallen sein, dass ich jede Form von Gewalt ablehne.»

«Noch mal: Sind Sie Anarchist?»

«War Jesus ein Anarchist?», fragte Olli zurück.

«Nein. Sicher nicht.»

Jetzt holte Olli etwas weiter aus. «Ich habe mir die Geschichten über Jesus durchgelesen. Das ist ganz interessant. Wenn Du mich als Bürgerschreck hinstellen willst, dann denk an Deinen Chef. Der ist gegen das aufgestanden, was Du die etablierte bürgerliche Welt nennst.»

«Das müssen Sie uns genauer erklären.»

«Er hat die ganze Justiz abgelehnt. Geht nicht zum Gericht, hat er gesagt. Versöhnt euch lieber untereinander. Oder Geld: Verzichtet darauf, hat er gesagt. Und wenn ihr zu viel davon habt, dann gebt es denen, die es brauchen.»

«Das haben Sie drastisch verkürzt», bot der Pfarrer Olli Paroli.

«Vielleicht lese ich die Bibel anders als Du», sagte Olli. «Und wie ist das mit der Familie?»

«Mit der Familie?»

«Ja. Jesus sagt: Wichtiger als alle Blutsverwandtschaft ist die Frage, ob einer ihm zuhört und den Willen Gottes tut. Da wird es schwierig, von der Familie als Keimzelle der Gesellschaft zu sprechen, oder?»

Der sonst so redegewandte Pfarrer geriet ins Grübeln. Sein Gesicht konnte sich nicht entscheiden, ob es rot oder bleich werden sollte.

«Jesus geht es um mehr Menschlichkeit. Ihm geht es nicht um Macht. Ihm geht es um Frieden. Um Solidarität. Um Freiheit. Er wollte die Ketten der Ungerechtigkeit sprengen. Und es ging ihm wohl auch darum, anders von Gott zu denken. Das weiss ich noch nicht so genau.»

«Soso», sagte der Pfarrer.

«Jaja», sagte Olli.

Lars Syring

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