Brunnadern: Zentrum der Diplomatie

Dies ist bestimmt einer der sichersten Orte der ganzen Schweiz: das Diplomatenviertel Brunnadern in Bern. Dort die Deutsche Botschaft, gleich daneben die Vertretung Russlands.

Urs M. Hemm
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Rechts ist die alte Wäscherei des Brunnadere-Huus zu sehen, links hinter den Bäumen versteckt das Wohnhaus der Einrichtung. (Bilder: Urs M. Hemm)

Rechts ist die alte Wäscherei des Brunnadere-Huus zu sehen, links hinter den Bäumen versteckt das Wohnhaus der Einrichtung. (Bilder: Urs M. Hemm)

Dies ist bestimmt einer der sichersten Orte der ganzen Schweiz: das Diplomatenviertel Brunnadern in Bern. Dort die Deutsche Botschaft, gleich daneben die Vertretung Russlands. Weiter in der selben Strasse die Niederlassungen Kuwaits, Indonesiens, Nigerias – die Liste liesse sich wohl noch beliebig weiterführen. Überall sind entweder Beamte des Botschaftsschutzes der Berner Kantonspolizei oder private Wachangestellte zu sehen. Zwischen die herrschaftlichen Vertretungen mischen sich vereinzelt Villen und Wohnhäuser «normaler» Bürger und eine stattliche Anzahl Alters- und Pflegeheime sowie Altersresidenzen. «Wer hier seinen Lebensabend verbringen kann, gehört eher zur betuchteren Gesellschaft», weiss Willy Schäfer, langjähriger Pfarrer an der Petruskirche und Verfasser eines Buches über die Entstehungsgeschichte des Brunnadernquartiers in Bern.

Die Grossfürstin der Elfenau

Die Bezeichnung Brunnadern sei vermutlich mit den Alemannen aus dem Osten der heutigen Schweiz hierher gekommen. Das bereits im Althochdeutschen vorkommende mittelhochdeutsche Wort bedeutet Gebiet mit Quelladern, die sich zum Schöpfen, Fassen und Nutzen eignen, erläutert Willy Schäfer. «Das zum Teil gegen die Aare hin abfallende Gelände Brunnaderns – insbesondere das Gebiet der Elfenau – ist noch heute mit Wasseradern durchsetzt, die an verschiedenen Stellen zu Tage treten und schliesslich in das Krebsenbächli fliessen, das dann in die Aare mündet», weiss der Berner alt Stadtrat und Bauingenieur ETH Andreas Wyss. Die Elfenau mit ihrem stattlichen Landgut bildet gegen die Aare hin die Grenze des Brunnadernquartiers. Schaut man von der Terrasse des Landguts über die nebelverhangenen Auen der Aare in Richtung Gurten, versteht man, warum die russische Grossfürstin Anna Feodorowna dem Flecken Land den Namen Elfenau gab. Die Frau Konstantin Pawlowitsch Romanows, eines Sprösslings des russischen Zaren Paul I, hatte 1814 das Gut gekauft und es zwei Jahre später auf den Namen Elfenau getauft. Heute ist das Elfenau-Gut Teil der Berner Stadtgärtnerei und beheimatet unter anderem den ersten Pro-Specie-Rara-Zierpflanzengarten der Schweiz sowie das Parkcafé Orangerie Elfenau.

«Gefallene Mädchen»

Im Zentrum des Quartiers liegt das Brunnadere-Huus. Heute eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung, wurde es noch bis in das erste Drittel des 20. Jahrhunderts als «Rettungsanstalt für gefallene Mädchen», dann bis 1975 als «Evangelisches Mädchenheim Brunnadern» geführt. Entgegen der Vermutung, wurde das Brunnadere-Huus nicht durch eine Quelle mit Wasser versorgt, sondern von einem später versiegten Bachlauf, dann über zwei Sod- beziehungsweise Ziehbrunnen aus dem Grundwasser. Zudem wurde die Anstalt über eine 1300 Meter lange Wasserleitung von Quellen in Wittigkofen versorgt.

Das Wasser hatte das Brunnadere-Huus auch dringend nötig. Denn die «gefallenen Mädchen» waren hauptsächlich in der hauseigenen Wäscherei tätig, in der bereits in der damaligen Zeit viele Aufträge aus der gesamten Umgebung ausgeführt wurden. Noch heute arbeiten einzelne Bewohner aus dem Brunnadere-Huus unter anderem in der Wäscherei der benachbarten Altersresidenz Elfenau Park mit – freilich jedoch unter modernsten Bedingungen.

Vermutlicher Klosterstandort

Tatsächlich reicht die Geschichte des Brunnadere-Huus und des Gutes weit zurück, wie Willy Schäfer in seinem Buch «In Brunnadern engagiert» illustriert hat. «Ich habe zwar keinen hundertprozentigen Beweis, aber schlüssige Belege dafür, dass das Brunnadere-Huus auf den Mauern des mittelalterlichen Klosters Brunnadern gebaut wurde», sagt Schäfer. Die These anderer Historiker, die den Standort des Klosters in der Elfenau vermuten, könne er nicht stützen. Denn sowohl alte Dokumente als auch Mauer- und Mörtelreste – die nachweislich aus dem Mittelalter stammten und noch heute im Gewölbekeller des Brunnadere-Huus zu sehen sind – deuten auf eben diesen Standort hin, ist Willy Schäfer überzeugt. Lange aber hatte das Frauenkloster Brunnadern nicht Bestand. 1286 durch die Dominikanerin Mechtild von Seedorf gegründet, wurde es vermutlich bereits vor 1295 durch eine Gewalttat zerstört. Die Schwestern wurden auf eine Aare-Insel umquartiert. Von daher kam die Bezeichnung «Insel» für das spätere Kloster in der Stadt. Aus diesem entstand nach der Säkularisation das Inselspital. Diesen Namen behielt das Spital auch an seinem heutigen Standort, an den es im 19. Jahrhundert verlegt wurde. Am alten Platz hatte es dem Ausbau des Bundeshauses weichen müssen.

Prunk und Idylle

Brunnadern ist ein Quartier mit eigenem Charme: Auf der einen Seite der Prunk der diplomatischen Vertretung, auf der anderen die Blütenpracht und Stille in der Elfenau und an der Aare. In jedem Fall ist Brunnadern, Bern, eine Reise wert.

Die Brunnaderstrasse, 3006 Bern, ist Teil des Stadtteils IV.

Die Brunnaderstrasse, 3006 Bern, ist Teil des Stadtteils IV.

Die Brunnadernstrasse in Richtung Süden – in Richtung Elfenau.

Die Brunnadernstrasse in Richtung Süden – in Richtung Elfenau.

Beim Brunnadern-Huus.

Beim Brunnadern-Huus.

Petruskirche, Brunnadernquartier.

Petruskirche, Brunnadernquartier.

Alt Stadtrat Andreas Wyss und Pfarrer Willy Schäfer (rechts).

Alt Stadtrat Andreas Wyss und Pfarrer Willy Schäfer (rechts).

Die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland am Brunnadernrain.

Die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland am Brunnadernrain.

Grossfürstin Anna Feodorowna lebte bis 1860 in der Elfenau.

Grossfürstin Anna Feodorowna lebte bis 1860 in der Elfenau.

Bau des Berner Architekturbüros Atelier 5 (1968–1970).

Bau des Berner Architekturbüros Atelier 5 (1968–1970).

Ebenfalls am Brunnadernrain gelegen: Die Botschaft Russlands.

Ebenfalls am Brunnadernrain gelegen: Die Botschaft Russlands.

Bild: Urs M. Hemm

Bild: Urs M. Hemm