Brot ist immer ein Thema

Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Ein frischer Fünfpfünder mit knusperig gebackener Kruste liegt auf dem Tisch. Herrlich, wie er duftet! Den andern Gästen geht es wie mir, sie können kaum erwarten, bis er angeschnitten wird.

Merken
Drucken
Teilen

Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Ein frischer Fünfpfünder mit knusperig gebackener Kruste liegt auf dem Tisch. Herrlich, wie er duftet! Den andern Gästen geht es wie mir, sie können kaum erwarten, bis er angeschnitten wird. «Schneide ihn richtig an, vorne! Sicher nüd henne bim Födle!» Ich rufe es laut, ich kann nicht zusehen, wenn jemand das Brot falsch anschneidet.

«Was heisst da falsch? Man kann ein Brot doch nicht falsch anschneiden!» Schon hatten sich Meinungen gebildet, ich wurde ausgelacht. Wir stritten nicht ums Brot, aber darum, wie es geschnitten werden sollte. Als ich ein Kind war, gab es darüber keine Fragen, mein Vater war Bäcker. Es gab Regeln, sicher beim Zwei-, Drei- oder Fünfpfünder mit der St. Galler Form (auch die gebräuchlichste Form im Appenzellerland). Geschichten über Brot hatte ich gehört und gelesen. Die Gewalt über das Brot hatte meistens der Vater oder die Mutter.

Kinder oder Leute, die nicht selber verdienten, hatten keinen direkten Zugang zum Brot. Das Anschneiden eines Fünfpfünders war lange Zeit beinahe ein Ritual. In vielen Familien wurde zuerst das Kreuzzeichen auf die braune Rinde gemacht, ehe die Frauen den Laib fest an ihre prallen Brüste pressten und dann dicke Scheiben schnitten. Ofenfrisch war das Brot kaum, wenn es auf den Tisch kam.

«Vom frischen Brot gibt es Bauchweh, frisches Brot ist ungesund, es bildet sich ein Klumpen im Magen, daran kann man in Wiederholungsfällen gar sterben» – ein Ammenmärchen, welches Kinder wie auch viele Erwachsene glaubten. Sie sollten nie auf die Idee kommen, es warm zu essen. «Da bschüüsst nüd!» Während des Zweiten Weltkrieges durfte in der ganzen Schweiz kein frisches Brot verkauft werden. Und Jahre später wurde Brot achtlos weggeworfen. Es gab Leute, die verschmähten Brot wegen der schlanken Linie.

«Altes Brot ist nicht hart, kein Brot ist hart!» Inzwischen war der noch warme Fünfpfünder geschnitten worden. Was leben wir doch in einer guten Zeit! Wir kennen keinen Hunger, und wir können darüber lachen, ob man das Brot am Födle oder a de Nase aaschniide söll! Esther Ferrari