Bräkers verkrachte 37 Ehejahre

Ulrich und Salome Bräker führten eine turbulente und verkrachte Ehe im 18. Jahrhundert. Die Toggenburger Autorin Rea Brändle stellte am Mittwoch bei der Vortrags- und Lesegesellschaft ihre Sicht auf das kuriose Ehepaar in Zeiten rasanter wirtschaftlicher Wandlungen dar.

Hansruedi Kugler
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Rea Brändle und Peter Roth bei ihrer Lesung im Chössi-Theater. Auf den Zeichnungen das Ehepaar Bräker. (Bild: Hansruedi Kugler)

Rea Brändle und Peter Roth bei ihrer Lesung im Chössi-Theater. Auf den Zeichnungen das Ehepaar Bräker. (Bild: Hansruedi Kugler)

LICHTENSTEIG. Beide sind Kinder des 18. Jahrhunderts: das Toggenburger Ehepaar Ulrich und Salome Bräker und die Vortrags- und Lesegesellschaft Toggenburg. Wenn dann eine Toggenburger Autorin einen Text über jene Ehe in einem Sammelband mit biographischen Essays zur Schweizer Geschichte schreibt, liegt es auf der Hand, dass sie diesen an der Mitgliederversammlung der VLT vorstellt. Wie die meisten im Toggenburg Aufgewachsenen hat auch Rea Brändle schon in Kinderjahren vom Toggenburger Volksschriftsteller Ulrich Bräker gehört – im Heimatkundeunterricht wurde vor allem vom Geissbuben Bräker erzählt: Von «wilden einöden Orten», gefährlichen Tobel, der Lust am Eierraub in Vogelnestern und dem Bad im spiegelklaren Bach, aber auch von der Kälte und Einsamkeit berichtete Ulrich Bräker. Viel mehr als diese Abenteuergeschichten habe sie schon damals die kuriose und zerstrittene Ehe mit Salome interessiert, erzählt Rea Brändle. Die 37 Jahre dauernde Ehe voller Streit, Zänkerei, Armut und gelegentlichen Gewaltausbrüchen habe die Toggenburger seit jeher fasziniert. Und das tut sie immer noch, kamen doch rund 50 Interessierte zur Lesung ins Chössi-Theater. Salome, ein böses, zänkisches Weib, und Ulrich, ein liebenswürdiger Phantast? Oder eher so: Salome, die strebsame, disziplinierte Haushälterin, und Ulrich, der sich von Kunden und Lieferanten übers Ohr hauen liess?

Souveräne Bräker-Kennerin

Ergreift Rea Brändle Partei für Ulrich oder Salome? Nein, und das ist gut so. Die Toggenburger Germanistin schildert in ihrem 18 Seiten langen Text anschaulich und mit einem souveränen Überblick die Facetten der Lebensgemeinschaft von Ulrich und Salome Bräker. Es waren 37 Jahre in einer von wirtschaftlichen Umbrüchen geprägten Epoche in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Das Ehepaar baut ein Haus und verschuldet sich gewaltig, die Mitgift reicht nirgends hin, die Bräkers unterstützen trotz bescheidenem Verdienst Verwandte, erleiden Missernten und Preisstürze auf ihren Handelswaren und müssen öfters den Beruf wechseln. Gerade in der Bewältigung und in den sozialen und psychischen Auswirkungen dieser wirtschaftlich unsicheren Lage könnte man einen aktuellen Bezug sehen. Rea Brändles Text ist aber auch in dieser Hinsicht frei von Zeigefinger-Rhetorik.

Kurios verkrachte Ehe

Mit einer lüpfig-tänzelnden Melodie begann die Lesung. Denn Peter Roth begleitete Rea Brändles Lesung auf dem E-Piano. Die beiden hatten schon 1998 anlässlich des Bräker-Jubiläums eine alternative Veranstaltungsreihe zum Globe-Theater durchgeführt. Eine lüpfig-heiter-unbeschwerte Ehe war dem Ulrich Bräker allerdings nicht vergönnt. Aber wenn man seinen eigenen Erklärungen und dem Literaturwissenschafter Peter von Matt glaubt, hat Ulrich Bräker selbst in seiner Ehe nicht ein leichtes Liebesglück gesucht. Im Gegenteil: Statt der «flatterhaften» Anna Lüthold, in die er als 19-Jähriger verliebt gewesen war, heiratete er nach jahrelangem Werben sein späteres «Hauskreuz» Salome Ambühl. In seinem Tagebuch schreibt Bräker: «Ich lieb Dich nicht aufs Zärtlichste – Du mich auch nicht. Ich liebe Dich als ein unentbehrliches Hauskreuz – als eine göttliche Züchtigung.» Die geliebte Frau als göttliche Züchtigung? «Eine befremdliche Metapher», schreibt Rea Brändle. Und doch: Sie zitiert Peter von Matt, der darin einen psychologisch vorausschauenden Entscheid Bräkers entdeckt: Ulrich Bräker plagte wegen seiner Kunstbesessenheit ein permanent schlechtes Gewissen. Nun konnte er die Selbstvorwürfe auf eine Frau projizieren und so sein Gewissen entlasten. Egal, ob man diese Begründung für plausibel hält: Fleissig geschrieben hat Bräker jedenfalls. Seine Tagebücher und die Lebensbeschreibung «Der arme Mann im Tockenburg» umfassen in der Gesamtausgabe knapp 4000 Seiten.

«Mi Schatz isch kei Zucker»

Peter Roths Musikeinlagen waren den Stimmungen des Textes angepasst: Mal nahm er mit einer Ballade die melancholischen Gefühlstiefen Bräkers auf, mal spiegelte er mit dem liebevoll-spöttischen und vom Publikum spontan mitgesungenen Lied «Mi Schatz isch kei Zucker» das ambivalente Eheverhältnis, mal griff er bissiger mit einem Lied von Wolf Biermann («Das kann doch nicht alles gewesen sein») das Dilemma der Selbstverwirklichung auf, das Bräker ein Leben lang quälte und das er zum Glück trotzdem aushielt. Bräkers Lebensgeschichte endet bekanntlich eher traurig: im Konkurs, mit Kehlkopfkrebs und nach einigen literarischen Erfolgen im Literaturbetrieb schon wieder weitgehend vergessen. Er wurde 1798 in Wattwil begraben, seine Frau Salome überlebte ihn um 24 Jahre.

Historische Begegnungen. Biografische Essays zur Schweizer Geschichte. Von Rudolf Brun bis Gottlieb Duttweiler. Verlag Hier und Jetzt, Baden 2014.

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