Bootsfahrt mit Xintol

Der Peruaner Xintol lebte in San Jerónimo nahe bei Pucallpa am Rio Ucayali, einem Nebenfluss des Amazonas. Es war die Zeit, in der ich durch alle Weltgegenden bummelte, am liebsten durch Südamerika.

Drucken
Teilen

Der Peruaner Xintol lebte in San Jerónimo nahe bei Pucallpa am Rio Ucayali, einem Nebenfluss des Amazonas. Es war die Zeit, in der ich durch alle Weltgegenden bummelte, am liebsten durch Südamerika.

Ich kam in San Jerónimo an und schlenderte durch die Stadt, an die seufzenden Flussufer des Rio Ucayali. Da traf ich ihn, Xintol, und wir kamen ins Gespräch. Ich war müde, abgekämpft, mutlos. Da sagte Xintol zu mir, «du, komm mit mir, wir machen zusammen eine Flussfahrt, dann kommst du auf frische Gedanken.» Wir mieteten ein Einmastsegelboot – und los ging es.

San Jerónimo lag bereits ein paar Flussstunden hinter uns, am Ufer standen einfache Hütten, seltsame grosse Bäume rauschten vorbei, ein paar prachtvolle Krokodile begleiteten uns.

Xintol zupfte seine Gitarre und sang dazu in einer Sprache, die ich nicht verstand, doch die kehlige Stimme, mit der er die Lieder vortrug, bewegte mich sehr. Plötzlich legte er seine Gitarre weg und sagte zu mir, «lies doch ein paar deiner Gedichte vor.» Ich zog einige Papierfetzen hervor und las: «Wir wählen / was und auswählt – / deine Lippen flammen auf / ich lasse alles liegen / folge dir / falle in deine Geheimnisse». – «Du liegst nackt vor mir / ein elfenbeinfarbenes Fischlein / ich bin trunken von dir / tauche ein in dein / unruhig pochendes Herz».

Da stand Xintol auf, setzte sich zu mir und legte seinen Arm um meine Schultern. Er wies auf einen Stern, der in der Dämmerung aufflammte, und sagte: «Schau – wir sind im Weltall nicht allein.»

Zwei Jahre später, ich war längstens wieder in der Schweiz und ging meinen Verpflichtungen nach, bekam ich einen Brief von Xintol, in dem er mir mitteilte, er schreibe nun, dank unserer Begegnung, auch Gedichte. Ich las: «Die Erleuchtung / ist farblos / in den Sternsegelbooten – / doch zuvor trinken wir / purpurroten Wein.» – «Gitarrenfischsandfarben / liegst du nackt neben mir / wir verzaubern uns / stürzen ins Offne / in den Früchten Blumen / Sternen Fischen/ im Meeresrauschen des Winds.»

Ich bin glücklich, «am andern Ende der Welt», im peruanischen San Jerónimo, Xintol, einen seelenverwandten Menschen zu haben.

Paul Gisi

Aktuelle Nachrichten