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Bolts Bücher für Buben

LICHTENSTEIG. Vor hundert Jahren schrieb der Lichtensteiger Niklaus Bolt Schweizer Literaturgeschichte. Seine kurzatmige Jugenderzählung vom Ausreisser «Svizzero» ist ein Bestseller, der als Zeitdokument heute noch aufgelegt wird.
Serge Hediger
Erreichte hohe Auflagen: Jugendschriftsteller Niklaus Bolt, aufgenommen um 1935 in einem Garten. (Bild: Staatsarchiv des Kantons Bern/N Laederach 73.1)

Erreichte hohe Auflagen: Jugendschriftsteller Niklaus Bolt, aufgenommen um 1935 in einem Garten. (Bild: Staatsarchiv des Kantons Bern/N Laederach 73.1)

Wer sich in Lichtensteig auf einen Rundgang macht, allein oder geführt, der gelangt am malerischen Goldenen Boden zum Haus «Im Winkel». Das Gebäude an der Westecke der Altstadt trägt über der Haustüre, eingelassen in die Fassade, eine schlichte Sandsteinplatte. Die Inschrift in Grossbuchstaben lautet: «Geburtshaus des Jugendschriftstellers Niklaus Bolt, 1864–1947».

Niklaus wer? Und: Was genau hat er geschrieben?

Beliebtester Jugendbuchautor

Niklaus Bolt war vor hundert Jahren für die Schweiz etwa das, was heute Jeff Kinney weltweit mit «Gregs Tagebüchern» ist: einer der beliebtesten und erfolgreichsten Jugendbuchautoren seiner Zeit. Seine Bücher erreichten höchste Verkaufszahlen und erhielten beste Kritiken. Heute würde man sagen: Bolt war ein Star. Noch an seinem 80. Geburtstag, drei Jahre vor seinem Tod, erreichten ihn «Stösse von Briefen, Karten und Telegrammen» mit Glückwünschen, wie es in seiner Biographie heisst.

Das Werk Bolts umfasst knapp zwei Dutzend Bücher, von denen seine Jugendgeschichten «Allzeit bereit» (eine Pfadfindererzählung aus dem Jahr 1916) und «Svizzero» (1912) die wichtigsten sind. Diese «Geschichte einer Jugend» erzählt vom kantigen Christian «Christen» Abplanalp aus dem Berner Oberland. An Ostern 1907 läuft der Bub seinen Eltern davon, weil er nicht das «Weiberhandwerk» eines Schneiders lernen will, sondern Ingenieur: «Lieber mauern als auf einem Tisch hocken und (…) sticheln.»

Es ist die Zeit, in der im Berner Oberland die Jungfraubahn entsteht. Angezogen durch den rauhen Zauber der Arbeit in Fels und Eis des Eigerjochs, gesellt sich Christen zu den Tunnelarbeitern aus Italien, erduldet an langen Arbeitstagen Ausgrenzung und Krankheit, und arbeitet sich doch vom «Boccia», dem Laufjungen, zum Vorarbeiter hoch.

Über 100 000mal verkauft

Der «Svizzero» ist noch heute druckfrisch erhältlich. Im Basler Friedrich-Reinhardt-Verlag erscheint mittlerweile das 115. bis 117. Tausend. «Eine extrem hohe Auflage», wie Verlagssprecherin Kerstin Hessel bestätigt: «Es kommt äusserst selten vor, dass sich ein Buch in der Schweiz über 100 000mal verkauft.» Natürlich: Trotz seiner «erzählerischen Frische» (Klappentext) ist das Jugendbuch in die Jahre gekommen – gerade mal rund 50 Exemplare verkauft der Verlag inzwischen pro Jahr. Dennoch führt er das Buch als «wertvolles Zeitdokument» weiter im Programm.

Zu Recht. Das Buch spielt auf die Thematik der ersten italienischen Gastarbeiter an, die Anfang des 20. Jahrhunderts in der Schweiz gerade im Tunnelbau Arbeit fanden. Auch im Toggenburg: Hunderte Mineure, Muratori und Hilfsarbeiter aus dem Trentino oder von noch weiter her sprengten sich 1908 durch den Ricken, 1909 durch die Wasserfluh. Barackendörfer in der Bleiken, der Brendi, im Flooz. Fremde Gerüche, fremde Worte.

«In seinem <Svizzero> indes vertauscht Niklaus Bolt die Rollen und lässt einen Schweizer das Leben der italienischen Arbeiter führen. Der Leser erfährt mit diesem Kunstgriff, wie hart und entbehrlich das Leben einer Minderheit sein kann», sagt Kerstin Hessel vom Reinhardt-Verlag. «Wir sehen das Buch als Hinweis, Toleranz zu üben und Minderheiten aktiv in die Gesellschaft zu integrieren. Diese Thematik ist heute so aktuell wie damals.»

Aufgewachsen in Lichtensteig

Niklaus Bolt ist der Sohn des Tuchhändlers und Kaufmanns Niklaus Bolt aus Nesslau und dessen Frau Anna (geborene Bösch). Während des amerikanischen Bürgerkriegs, so schreibt sein Biograph René Teutenberg, soll der Handel des Vaters mit rot-weiss-blauen Taschentüchern derart einträglich gewesen sein, dass sich die Familie «eines der schönsten und stattlichsten Häuser» Lichtensteigs, das Haus «Im Winkel», kaufen konnte.

Auf den Aufstieg folgte der geschäftliche Niedergang: Als die Familie 1882 in Le Havre für die Auswanderung nach New York einschiffte, war Niklaus Bolt 18 Jahre alt. Er blieb hier – vorerst. In Lichtensteig hatte er die sogenannte vereinigte Realschule besucht, die von Katholiken und Protestanten gemeinsam geführt wurde, hatte Kalligraphie, und Religionslehre besucht und Latein gelernt. In Basel absolvierte er jetzt die Predigerschule, und sollte der Familie fünf Jahre später als Reverend Mr. Bolt nach Amerika folgen.

Ausgewandert nach Amerika

Es war ein «most youthful-looking clergyman» mit «mature and wellequipped mind», der dort am Mississippi ankam, ein jugendlicher Kirchenmann, ausgestattet mit reifem Verstand, wie er in der Zeitung «Pionier Press» begrüsst wurde. Zunächst predigte Bolt in St. Paul, dann in Chicago. Seine Jugenderzählungen jedoch entstanden erst, als er längst wieder in der Schweiz lebte und als reformierter Geistlicher in Lugano wirkte.

Zwischen Gotthelf und Spyri

Ein Dichter-Pfarrer aus dem Toggenburg: Der Germanist Otto von Greyerz, Professor an der Universität Bern, nannte Bolts Namen einst in einem Atemzug mit dem Autor von «Uli der Knecht» und dem «Knaben des Tell»: «Seit Jeremias Gotthelf haben wir kaum einen zweiten gehabt, der das kleine Heldentum des Schweizer Knaben in einer für die Jugend so packenden Weise dargestellt hätte.»

Doch damit allein hätte der «Svizzero» keine 25. Auflage erreicht. Sein Erfolg hat denn auch marktwirtschaftliche Gründe: Als Niklaus Bolt zum Jugenderzähler aufrückte, lag das Feld der Bubenliteratur brach. Johanna Spyri, die Verfasserin der beiden «Heidi»-Romane, war 1901 gestorben, und ihre Nachfolger pflegten fast ausschliesslich die Mädchenliteratur: Olga Meyer mit «Anneli», Ida Bindschedler mit den «Turnachkindern», Elisabeth Müller mit «Vreneli». Wo aber blieb das Bubenbuch?

Es war der kurzatmig und kraftstrotzend geschriebene «Svizzero», der diese Lücke zu füllen vermochte – zumindest dort, wo die Eltern ihren Buben Karl Mays «Winnetou» nicht erlaubten.

Niklaus Bolts Geburtshaus: Haus «Im Winkel» in Lichtensteig. (Bild: Serge Hediger)

Niklaus Bolts Geburtshaus: Haus «Im Winkel» in Lichtensteig. (Bild: Serge Hediger)

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