Reportage

Blochmontag in Herisau:
«Züchä Mannä, Züchä!»

Wie 22 Appenzeller einen tonnenschweren Baumstamm über 30 Kilometer weit schleppen. Eine Reportage über eine fast vergessene Tradition des Appenzeller Hinterlandes.

Stephanie Häberli
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Die Bloch-Gesellschaft Herisau zieht ihren Baumstamm «Bloch» durch das Appenzellerland.

Die Bloch-Gesellschaft Herisau zieht ihren Baumstamm «Bloch» durch das Appenzellerland.

Bild: Stephanie Häberli

Draussen ist es dunkel. Weit und breit brennt kein Licht. Einzig an den Fenstern des Herisauer Restaurants Schafräti zeichnen sich die Umrisse zahlreicher Gestalten ab. Als die Ersten das Gasthaus verlassen, durchbricht kehliges Gelächter die nächtliche Stille. Es ist kurz nach 4 Uhr morgens an einem eigentlich gewöhnlichen Montag. Die Männer sind gestärkt und bereit für den kräftezehrenden Tag: Es ist Bloch-Montag, ein ganz besonderer Montag im Kanton Appenzell Ausserrhoden.

Der Wagen mit dem sogenannten Bloch – einem gefällten, entasteten Baumstamm – ist noch nirgends zu sehen. Eile scheinen die 45 Männer der Bloch-Gesellschaft-Herisau keine zu haben. Im Gegenteil: Eine äusserst gelassene Atmosphäre macht sich breit. Die Leidenschaft und Freude der Anwesenden ist ansteckend. An jeder Ecke wird geschwatzt und gelacht.

Der Fuhrmann, Köbi Frick steuert den Wagen von den Gassen auf das Land hinaus - und wieder zurück.

Der Fuhrmann, Köbi Frick steuert den Wagen von den Gassen auf das Land hinaus - und wieder zurück.

Bild: Stephanie Häberli

Zwischen den Lippen urchiger Männer mit falschen Bärten werden Krumme angezündet und Glühwein getrunken. Erwartungsvoll stehen die ersten Zuschauer am Strassenrand und warten auf den grossen Moment. Pünktlich um 4.30 Uhr setzt sich der Umzug in Bewegung.

«Züchä Mannä, Züchä!»

Den Anfang des Umzugs bildet der Vorreiter gefolgt von sechs Herolden, allesamt auf Pferden und in traditioneller Reiterkluft. Anschliessend folgt die aus 22 Mann bestehende, kostümierte Zugmannschaft. Diese fungiert als Motor des Wagens. Einzig an besonders steilen Stücken werden die Pferde eingespannt. Von Jägern bis Metzgern über Bauern, die Vielfalt der Verkleidungen der Zugmanschaft ist gross. Kein Detail wurde ausgelassen.

Die Männer sind paarweise angeordnet und ziehen den Bloch. Trotz des immensen Gewichts von über zwei Tonnen ist den Männern die Anstrengung kaum anzusehen. Ihre Gesichter zeichnet ein entspanntes Lächeln. Vorne am Wagen hängt ein riesiges Schild mit dem Herisauer Wappen. Auf dem Wagen thront das Bloch. Ein hölzerner Koloss. Am Kopf des Wagens steht der Fuhrmann Köbi Frick und ruft seinen Männern zu: «Züchä Mannä, Züchä!!» Er hält eine Peitsche in der Hand und lässt sie in der Luft knallen. In der Mitte des Fichtenstammes ist der Platz zweier Musikanten. Sie scheinen es bequem zu haben. Mit einer Wolldecke zugedeckt sind sie geschützt vor der eisigen Kälte.

Die Männer ziehen das Bloch durch das Dorf.

Die Männer ziehen das Bloch durch das Dorf.

Bild: Benjamin Manser
Fuhrmann Frick feuert die Mannschaft an.

Fuhrmann Frick feuert die Mannschaft an.

Bild: Benjamin Manser

Auf dem hinteren Teil des Blochs sitzt der Schmied vor seinem brennenden Ofen und werkelt auf seinem Amboss. Der kauzige Mann legt immer wieder schöne Äste von Nadelholz in seinen Ofen nach und räuchert so die Gassen ein, was die ganze Umgebung in eine mystische Stimmung taucht. Den Schluss des Zuges bildet der Förster auf seinem Pferd.

27 Bilder

Bilder: Benjamin Manser

Ein Jäger, der eigentlich Landwirt wäre

Spätestens seit sich der Umzug in Bewegung gesetzt hat, ist die morgendliche Stille endgültig verschwunden. Nicht selten wird die volkstümliche Musik, die aus den Schwyzerörgeli der beiden Musikanten erklingt, durch ohrenbetäubende Böller übertönt, die der Schmied in seinem Ofen zündet. Alle paar Kilometer ist es Zeit für kurze Pause. Die Zugmanschaft lässt ihre Bügel sinken. Einzig die Reiter bleiben auf ihren Pferden. Die Männer stärken sich mit einem warmen Glühwein. Langsam formieren sich die Anwesenden und ein Zäuerli wird angestimmt. Doch die Verschnaufpause ist kurz und der Tag ist noch lang. Es liegen noch immer viele Kilometer vor der Gruppe.

Der Bloch­-Montag ist für alle Beteiligten ein spezieller Tag: «Es ist immer wieder ein schönes Gefühl. Wir sind eine grosse Gemeinschaft», sagt Hans-Walter Bodenmann. Eigentlich ist der gebürtige Herisauer als Landwirt tätig. Doch heute trägt der Zugmann die Kluft eines Jägers. Dazu hat er ein Fuchsfell und eine rostangelaufene Flinte geschultert.

«S’isch schö mit dene glongene Chögä de de ganz Tag z’verbringe»

Eigentlich sollte es den urchigen Brauch vom Bloch gar nicht mehr geben: «Während des Ersten Weltkrieges wurde das Bloch verboten. Wahrscheinlich passte es einfach nicht in diese Zeit, die in der Schweiz durch Armut und Elend gezeichnet war», erklärt Bodenmann. Erst 2012 hat die Bloch-Gesellschaft-Herisau den Brauch wieder aufleben lassen.

Der Baumstamm «Bloch» hat ein Gewicht von über zwei Tonnen.

Der Baumstamm «Bloch» hat ein Gewicht von über zwei Tonnen.

Bild: Stephanie Häberli

Walter Niederer, der dieses Jahr einer der Herolden zu Pferd verkörpert, weiss dass dies durchaus eine Herausforderung darstellte: «Zeugnisse der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg hatten wir praktisch keine. Nur ein einziges Foto. Wir haben bei der Gemeinde nachgefragt, aber abgesehen von dieser einen Aufnahme gab es nichts.»

Schon früh am Montagmorgen versammelt sich ...
10 Bilder
... die Bloch-Gesellschaft Herisau um ihren Brauch zu leben. Dabei wird ...
... ein riesiger Baumstamm «Bloch» von Männern erst ...
... durch die Gassen von Herisau gezogen. Dabei machen die Teilnehmer ...
... Lärm, Radau und singen lauthals «Zäuerli». 22 Männer braucht es ...
... um das «Bloch» zu ziehen. Von Herisau nach ...
... Schwellbrunn. Dabei wird immer wieder zünftig pausiert. Die Wege ...
... gehen teils bergauf. Dann braucht es Pferde. Bergab muss der Zug...
... gebremst werden. Auf dem Wagen dürfen nur ...
... Musikanten, ein Schmied und der Fuhrmann Platz nehmen.

Schon früh am Montagmorgen versammelt sich ...

Bilder: Stephanie Häberli

Auch abseits der Strasse, wo die Männer den Baumstamm schleppen, sind Helfer unterwegs: Die beiden Herisauer Sämi Müller und Kurt Frischknecht sind gerne als «Kässeler» unterwegs. Narrengleich sind sie in bunte Stoffkleider gehüllt und tragen Mützen mit Glöckchen, die zwischen den Häusern lärmen. Eine schöne Aufgabe: «Für uns ist es eine Ehre, dabei sein zu dürfen». Vor allem die Gemeinschaft werde sehr geschätzt: «S’isch schö mit dene glongene Chögä de de ganz Tag z’verbringe», so Müller.

«Wir Appenzeller sind für unsere Eigensinnigkeit bekannt»

Doch dass das Bloch auch dieses Jahr stattfinden kann, war am Wochenende noch ungewiss. Die Angst vor dem Corona-Virus machte vielen Veranstaltungen einen Strich durch die Rechnung. Hier im Appenzeller Hinterland scheinen die Männer aber keine Angst vor dem Virus zu haben: «Wenn es ein Verbot vom Bund gegeben hätte, hätten wir wohl keine andere Wahl gehabt, als uns daran zu halten. Wobei, wir Appenzeller sind ja eigentlich für unsere Eigensinnigkeit bekannt», fügen Müller und Frischknecht schmunzelnd hinzu.

Zwei «Kässeler» rennen neben dem «Bloch» zu Passanten hin.

Zwei «Kässeler» rennen neben dem «Bloch» zu Passanten hin.

Bild: Stephanie Häberli

Die Energie ist den Männern auch in einigen Kilometern in den Füssen und einige Glühweine später nicht ausgegangen. Dies, obwohl ihr Tag bereits um 1.30 Uhr begonnen hat. Um die 30 Kilometer Marsch wird das Bloch an diesem Tag zurücklegen. Doch selbst wenn der Marsch geschafft ist, geht das Programm noch weiter. Nach der Versteigerung des Blochs findet der legendäre «Bloch-Gant» statt. Dabei wird der Baumstamm dem Höchstbietenden verkauft, das Geld fliesst in die Bloch-Kasse.

Damit soll dann auch im nächsten Jahr die Tradition weiterleben können. Bis dann an einem fast gewöhnlichen Montagmorgen um 1.30 Uhr wieder die ersten Mitglieder der Blochgesellschaft vor den Türen der «Schafräti» um Einlass bitten.

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