Bitte aufschliessen, lieber Grappa

Was man an einer Weihnachtsfeier so alles lernt! Nein, es ging nicht um das Gedränge beim Schlangestehen vor dem Buffet: «Aufschliessen, Kollegen.» Nein.

Hansruedi Kugler
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Bild: Hansruedi Kugler

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Was man an einer Weihnachtsfeier so alles lernt! Nein, es ging nicht um das Gedränge beim Schlangestehen vor dem Buffet: «Aufschliessen, Kollegen.» Nein. Da sass ich doch am Weihnachtsessen einem Gourmet gegenüber und liess mir dessen Frage auf der Zunge vergehen: «Wie man eine Flasche versiegelt, weisst Du wahrscheinlich. Aber weisst Du auch, wie man einen Whisky aufschliesst?» Na, in alkoholischen Fragen bin ich zugegeben ein Tölpel, blickte wohl auch genauso aus der Wäsche, zog die Achseln hoch und sagte dann schlagfertig: «Ha ha, guter Scherz, wahrscheinlich mit dem Kellerschlüssel.» Knapp gerettet, meinte ich – und doch Lichtjahre von der richtigen Antwort entfernt, das wusste ich in diesem Moment genau.

Natürlich war es kein Scherz. Aber wieso fragt der Mann überhaupt nach einem Whisky-Schlüssel, wenn wir doch gerade mit Grappa anstossen?, dachte ich leicht verärgert. Denn das Gegenüber hatte schon dieses fiese Besserwisser-Gesicht aufgesetzt – der gnadenlose Auftakt eines viertelstündigen Vortrags. Dachte ich. Doch Gnade überfiel den Mann, schliesslich war Weihnachtsessen, und die Erklärung folgte kurz und bündig und einleuchtend: «Fachleute sagen aufschliessen, wenn tröpfchenweise destilliertes oder zur Not auch stilles Wasser einem edlen Hochprozentigen zugefügt wird. Das Wasser schliesst den Whisky auf und lässt dessen vollen, ganzen, breiten Geschmack zur Geltung kommen!»

Der Mann hatte offenbar mein Luftschnappen nach dem ersten Schlückchen Grappa bemerkt: «Siehst Du, ein Getränk mit mehr als 25 Volumenprozent Alkohol paralysiert die Geschmacksnerven, deshalb gehören ein paar Tropfen Wasser in einen Hochprozentigen.» Wer doch noch sagt: «Ich trinke meinen Whisky am liebsten pur», ist darum bloss ein angeberischer Dilettant. Also: Panschen ist ab jetzt nicht nur erlaubt, sondern ein Zeichen von Kennerschaft. Besonders wenn man dann noch eine Pipette hervorholt, um das Wasser exakt und tröpfchenweise dem Whisky zu verabreichen. Aber ehrlich gesagt, hört bei mir spätestens dann die Freude an der Kennerschaft für Hochprozentiges auf. Ich gestehe: Mein Lieblingsgetränk an Feiern ist immer noch Süssmost. Der ohne Kohlensäure, versteht sich. Zumindest darin sind sich Whisky- und Süssmostliebhaber einig.

hansruedi.kugler@toggenburgmedien.ch