Biodiversität findet sich auch im Militärbunker

An der HV des Naturschutzvereins nathur im «Rössli» Krinau hielt der Nesslauer Biologe René Güttinger einen Vortrag über die Höhlenschrecke Troglophilus neglectus.

Tanja Trauboth
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Skurrile Laune der Natur: Die Höhlenschrecke, Troglophilus neglectus, in ihrem unterirdischen Lebensraum. (Bild: René Güttinger)

Skurrile Laune der Natur: Die Höhlenschrecke, Troglophilus neglectus, in ihrem unterirdischen Lebensraum. (Bild: René Güttinger)

An der HV des Naturschutzvereins nathur im «Rössli» Krinau hielt der Nesslauer Biologe René Güttinger einen Vortrag über die Höhlenschrecke Troglophilus neglectus.

Was für den Physiker der Nobelpreis, den Sportler die Olympiamedaille, ist für den Biologen die Entdeckung einer neuen Tier- oder Pflanzenart. Dafür reist er in ferne Gegenden, paddelt durch unwegsame Gewässer im Regenwald Südamerikas, klettert überhängende Felsen und brüchige Klippen hinauf, meist mit Videokamera im Gepäck, so dass jedermann bequem sitzend vor PC und Fernseher zuschauen kann. Der Nesslauer Zoologe und Naturfotograf René Güttinger dagegen findet eine neue Art per Zufall, in einer Bunkeranlage bei Wartau im St. Galler Rheintal. Er kontrollierte das Winterquartier der Fledermäuse, da fiel ihm in einer Felsspalte etwas auf, das nur ein Biologe sieht. Im Saal des Krinauer «Rössli» erscheint sie dann auf der Leinwand, ins rechte Licht gesetzt: die Höhlenschrecke Troglophilus neglectus. Durchscheinend bernsteinfarben, die Haut weich, angepasst an ihren Lebensraum Höhle, in den sie vermutlich irgendwann im Laufe der Evolution hinabgestiegen ist, weil sie dort ein geruhsameres Leben führen kann als in der Wiese, wo ihre Verwandte Heuschrecke schnell Beute wird von Vögeln, Maulwürfen, Spitzmäusen, Spinnen und anderem Getier. In der Höhle muss Troglophilus nur die Rabnetzspinne fürchten.

Fortpflanzung ohne Sex

Wohl deshalb leben in den Felsspalten und der Bunkeranlage in der Nähe von Wartau nur weibliche Höhlenschrecken. Die Zuschauer schütteln die Köpfe. Wie, keine Männchen? Güttinger erklärt die ungeschlechtliche Fortpflanzung Parthenogenese. «Ihr müsst euch überlegen, warum es die geschlechtliche Fortpflanzung gibt, welchen Zweck sie hat», sagt Güttinger. Sie ist biologische Risikoversicherung. Bei der Paarung werden die Gene von zwei Lebewesen neu gemischt und zusammengesetzt. So entstehen immer wieder neue Kombinationen und erhöhen die Chancen, dass genügend Artgenossen schnell genug davonrennen können, damit sie nicht gefressen werden, bei einer Dürre ohne Wasser auskommen, fruchtbar bleiben, auch wenn es fast nichts zu essen gibt, und so weiter. Aus jedem Ei, das die Höhlenschrecken im Raum Wartau legen, wird jeweils ein der Mutter identisches Tier. Es wird immer das gleiche Erbgut an die nächste Generation weitergegeben. Das sei ein Hinweis, dass sie sich sicher fühlten und es keinen Grund gebe, sich zu ändern, erklärt der Biologe. Dafür ist das Höhlenleben wenig abwechslungsreich. «Die hocken an der Decke und machen nichts», sagt Güttinger.

Ab und zu nehmen sie etwas vom knappen Nahrungsangebot, Abfall, Abgestorbenes. Damit nimmt Troglophilus neglectus eine wichtige Rolle ein im Ökosystem. Neben Pflanzennahrung und Wasser braucht es vor allem Lebewesen, die tote Lebewesen fressen, entgiften und umbauen zu neuem Nährsubstrat, damit der Kreislauf der Natur funktioniert. Güttinger winkt ab, sagt, es störe ihn, wenn man die Natur auf eine Funktion reduziere. Biodiversität hat einen Wert in sich, den man nicht erst erfahren sollte, wenn die Artenvielfalt so weit reduziert ist, dass die Lebensgrundlagen von uns Menschen zerstört sind.

Echte Einheimische

Eine weltweite Neuheit ist Troglophilus neglectus nicht. Ihr Stammgebiet ist im Balkan. Vereinzelt gibt es auch kleinere, isolierte Ansiedlungen in Deutschland. Diese wurden eingeschleppt. Ihre Vorfahren hefteten sich als blinde Passagiere an die Sandalen römischer Legionäre und die Stiefel von Höhlenforschern. Die Höhlenschrecken im Raum Wartau dagegen gelten als natürlich, sagte Güttinger. Es gebe genügend Argumente, dass sie schon sehr lange dort sind.

Hauptversammlung im «Rössli»

Präsident Franz Rudmann konnte Mitte März ein kleines Grüppchen Mitglieder des Naturschutzvereins nathur Wattwil-Lichtensteig-Krinau begrüssen an der Hauptversammlung im Restaurant Rössli, Krinau. Naturbegeisterte sind eben lieber draussen. Am Tag nach der HV hiess es zudem früh aufstehen und sich warm anziehen für die alljährliche Vogelexkursion in das Kaltbrunner Riet. In nathur lernt man die Natur vor Ort kennen, findet Gleichgesinnte und geselliges Beisammensein. In diesem Jahr führen uns sachkundige Personen auf Spaziergänge durch das Zentrum Wattwil und an besondere und naturnahe Orte in Krinau. Weiter erfährt man über Pilze, Eidechsen und warum die Fische überhaupt noch in der Thur schwimmen. Das tun sie dank dem grossen Engagement des Fischereivereins in Zusammenarbeit mit dem St. Galler Amt für Natur, Jagd und Fischerei. Mehr dazu an der Besichtigung der Fischhälterung Mühlau in Bazenheid Ende November. Das genaue Programm von nathur ist auf der vereinseigenen Homepage zu finden.

Mit Romy Hollenstein, Lichtensteig, und Bruno Rogger, Wattwil, traten zwei langjährige Vorstandsmitglieder an der HV zurück und wurden verabschiedet. Es wurde kein Ersatz gewählt, sondern der Vorstand arbeitet erst einmal reduziert weiter.