«Bin der Kanti Wattwil dankbar»

Die Literaturkritikerin Hildegard Elisabeth Keller lehrt mittelalterliche deutsche Literatur. Sie sprach an der Kanti Wattwil über ihren Film über die aus Österreich stammende und 1939 in die USA geflüchtete Malerin Annemarie Mahler.

Martin Knoepfel
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Für die Aufführung ihres Films kam die Literaturprofessorin Hildegard Keller an die Kanti Wattwil zurück. (Bild: Martin Knoepfel)

Für die Aufführung ihres Films kam die Literaturprofessorin Hildegard Keller an die Kanti Wattwil zurück. (Bild: Martin Knoepfel)

Frau Keller, welche Beziehungen haben Sie heute noch zum Toggenburg?

Hildegard Elisabeth Keller: Eine sehr warme Beziehung. Ich fühle mich dem Toggenburg verbunden. Ich habe Freunde hier, und ich liebe die Berge, die Kühe und den Geruch der Landschaft. Ich wandere gerne. Ich bin immer wieder ins Toggenburg zurückgekehrt, nur bisher nicht an die Kanti Wattwil.

Was hat Ihnen der Besuch der Kanti in Wattwil fürs Leben mitgegeben?

Keller: Ganz Entscheidendes. Sie hat mir die Tür in eine geistige Welt geöffnet, in der Auseinandersetzung mit der Literatur, der Kultur und der Geschichte. Durch das Mitmachen in Theaterprojekten habe ich gesehen, welche Fähigkeiten ich habe. Schliesslich war die Matur der Ausgangspunkt für das Studium und das spätere Leben. Ich bin der Kanti Wattwil sehr dankbar.

Was vermissen Sie, wenn Sie in Bloomington in Indiana sind?

Keller: In Bloomington die Muttersprache. Ich arbeite gerne mit Performances in meiner Muttersprache. Das Publikum dafür gibt es in Indiana nicht. Wenn ich mit Studenten eine Performance erarbeite, ist sie in Englisch, eventuell in Englisch und Spanisch. Die Muttersprache ist für mich zentral.

Und was fehlt Ihnen, wenn Sie in Zürich weilen?

Keller: In Zürich vermisse ich die Leichtigkeit, die Freundlichkeit und die Warmherzigkeit im Alltag, auch im Umgang mit den Studenten. In den USA ergeben sich Gespräche im Alltag auf leichtere Weise als hierzulande.

Weshalb haben Sie einen Film über Annemarie Mahler-Ettinger produziert?

Keller: Da gibt es verschiedene Gründe. Ich hatte die künstlerische Vision, eine Biographie, also eine Lebenserzählung, mit den Mitteln der Kunst zu realisieren. Dazu kommt, dass Annemarie Mahler-Ettinger dafür ein tolles Subjekt ist. Sie war selber sehr daran interessiert und bereit, im Film mitzuwirken.

Ist der Holocaust ein Thema, das sie besonders interessiert?

Keller: Nein. Annemarie Mahler-Ettinger will in diesem Zusammenhang auch nicht erwähnt werden.

Welches ist Ihr nächstes Projekt?

Keller: Ich arbeite seit vielen Jahren an der Biographie von Alfonsina Storni. Alfonsina Storni ist eine argentinische Schriftstellerin und Feministin, deren Eltern aus dem Tessin nach Südamerika ausgewandert waren. Wegen anderer Projekte, auch wegen des Films «Whatever comes next», musste ich die Arbeit daran unterbrechen. Die Biographie sollte im Mai erscheinen.