Bewegte Geschichte

Robert Forrer arbeitete das Geschehen um das Gewerbezentrum Hof auf.

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Das Areal des Gewerbezentrums Hof in Lichtensteig wird schon seit langer Zeit für gewerbliche Zwecke gebraucht. Ursprünglich stand dort eine Papierfabrik. Diese wurde in der Nacht auf den Aschermittwoch 1859 ein Raub der Flammen. Die Fabrikruine wurde 1865 niedergerissen und in vierjähriger Arbeit entstand auf demselben Platz eine für damalige Verhältnisse hochmoderne Weberei. Es war eines der ersten Gebäude, das mit einem Shed-Dach erstellt wurde. Der Vorteil dieser Bauweise war, dass über die gesamte Spannweite keine Mittelstütze gebaut werden musste. Dies kommt der heutigen Nutzung zugute – der säulenlose Saal kann für das Eisenbahnmuseum genutzt werden. Das vom Fabrikanten Joseph Stähelin geführte Unternehmen nahm mit 120 Webstühlen seinen Betrieb auf. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg erfolgte eine Vergrösserung des Gebäudes indem ein moderner Websaal in Eisenbetonkonstruktion angebaut wurde. Gleichzeitig wurden ein Turbinenhaus, ein Kesselhaus und ein Werkstattgebäude neu gebaut. Schon bald zeigte sich, dass der alte Shed-Bau in einem schlechten Zustand war. Die Holzkonstruktion war morsch und das Dach undicht und kaum zu reparieren.

Arbeiten während der Bauzeit

Damit die Webarbeit während der Bauzeit nicht unterbrochen werden musste, wurde die Fabrik ausgeräumt. Ein Teil der Webstühle wurde auswärts eingelagert, der Grossteil in provisorischen Baracken, die aus dem Abbruchmaterial hergestellt wurden, untergebracht. Dort arbeiteten die Weber während des Neubaus der Fabrik weiter. Diese bestand aus einem vierstöckigen Hochhaus mit den Direktions- und Verwaltungsräumen, einer Kantine, den Garderoben und einer Abwartswohnung. Der andere Teil war die Arbeitsstätte. Dieser wurde zweistöckig erstellt, damit der Arbeitsfluss rationell war. Schon vier Jahre später, 1947, wurde im Hof erneut gebaut, nämlich ein Fabrikgebäude auf der Ostseite des bestehenden Fabriktraktes. Zahlreiche Häuser in Lichtensteig wurden in der damaligen Zeit von Familien bewohnt, die ihr Einkommen im Hof fanden. Auf dem Areal wurde auch ein so genanntes Mädchenhaus gebaut, in welchem Arbeiterinnen aus Italien und Spanien gewohnt haben. Das Gebäude steht noch heute, es wird aber nicht mehr als Wohnhaus genutzt.

In amerikanischen Händen

Von 1911 bis 1967 gehörte die Fabrik der St. Galler Feinwebereien AG, die unter dem Namen Stoffel AG bekannt war. Diese übergab den Betrieb an die amerikanische Burlington Industries Inc, den damals grössten Konzern auf dem Textilgebiet weltweit. Dem Lichtensteiger Betriebsleiter Peter Bächinger gelang es nicht, Gewinn zu erwirtschaften. Darum beschloss Burlington, die Firma zu verkaufen oder – falls sich kein Käufer findet – sie zu schliessen. Peter Bächinger gründete daraufhin die neue Firma Thurotex AG, welche die Produktion auf eigene Rechnung aufnahm. 1974 wurde die Tochterfirma Thurotiss AG in Lichtensteig gegründet, die das Kreationsatelier umfasste.

Finanzielle Schwierigkeiten

Die Thurotex geriet Anfang der 1980er-Jahre in finanzielle Schwierigkeiten. Im Januar 1982 konnte die Konkurseröffnung nicht mehr verhindert werden. Dies hatte fatale Konsequenzen. 219 Arbeiter, 151 davon mit Wohnsitz in Lichtensteig, wurden entlassen. Trotz grossen Anstrengungen war es nicht möglich, die Fabrikbauten und das Mobiliar zu verkaufen und den Webereibetrieb weiterzuführen. 1984 kam die Liegenschaft Hof in die Hände der Plastik AG, Bad Ragaz. Sie verkaufte die Webstühle sukzessive, doch noch heute sind Überbleibsel der Thurotex in Nebenräumen des Gebäudes zu finden.

Gewerbezentrum entsteht

Seitdem vermietet die Besitzerin verschiedene Räume der Liegenschaft, so dass nach und nach das Gewerbezentrum Hof entstand. Fünf Jahre lang war im Bürotrakt sogar ein Durchgangsheim für Asylbewerber eingerichtet. Immer wieder muss die Eigentümerin in den Unterhalt des Gebäudes investieren. 2003 wird die alte Turbine von Escher-Wyss, die 64 Jahre lang Strom erzeugt hat, durch eine neue SFL-Kaplanturbine ersetzt. Inzwischen umfasst das Areal rund 18 000 m², aufgeteilt in ein Hauptgebäude und mehrere Nebengebäude. Aktuell bieten die im Gewerbezentrum Hof eingemieteten Unternehmen 72 Arbeitsplätze an. Mehr als ein Drittel davon, schätzt der Liegenschaftsverwalter Kurt Fischbacher, seien aber die meiste Zeit auswärts am Arbeiten. (sas)

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