Bevor der Hahn kräht

Brosmete

Felix Merz
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«Schlafen kannst du, wenn du alt bist.» So ein Quatsch. Die meisten Pensionäre, die ich kenne, sind wach, bevor sich der erste Hahn die Zähne geputzt hat. Spricht man mit reiferen Semestern, wird jemandem Anfang 40 schnell klar: Ist auf deiner Wunschliste etwas Spezielles aufgeführt, dann tu es sofort. Das nehme ich mir zu Herzen und lerne seit einigen Monaten, wie man eine Bassgeige bespielt. Reisen werden gerne in die «Pension verschoben». 10, 11, 12 Stunden in einem Flieger hocken, wochenlanges Trekking durch die kanadische Wildnis oder eine Weltreise verlieren anscheinend in zunehmendem Alter ihren Reiz. Jene Pensionäre, die ich kenne, möchten je länger je weniger verreisen. Man bleibt lieber in der Nähe, geniesst Landschaft und Gastronomie in Südtirol, Wanderrouten im Engadin oder Ausflüge im Alpstein. Was die reiferen Semester anscheinend am meisten beschäftigt, ist die geistige Fitness. Es sei wichtig, sich mit der Tagesaktualität zu beschäftigen oder den Umgang mit neuen Medien zu lernen. Stolz verfolge ich, mit welcher Vehemenz sich meine zukünftige Schwiegermutter in der digitalen Welt bewegt. Seit einigen Wochen hat sie ein Smartphone. Nach anfänglichen Berührungsängsten ist das passiert, was wir uns erhofft haben: Sie nutzt das kleine Gerät regelmässig. Nachrichten aus aller Welt verfolgen oder Musikvideos schauen – auf dem Display wird gestreichelt, was das Zeug hält. An alle reiferen Semester, die es ihr gleichtun (wollen): Die Klingeltöne kann man anpassen. Ein krähender Hahn zum Beispiel.

Felix Merz