BETTTAGSGESPRÄCH: Technologie nicht als Schicksal hinnehmen

Gestern mittag unterhielten sich Gäste aus Kultur, Politik und Wissenschaft über Datensammlungen, Faszination, Macht und Selbstverantwortung.

Lukas Pfiffner
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Pfarrer Andreas Ennulat führte durch das Gespräch mit Anne Meyer, Guido Berger, Andrea Caroni, Hanspeter Thür und Dirk Helbing (von links). (Bild: pf)

Pfarrer Andreas Ennulat führte durch das Gespräch mit Anne Meyer, Guido Berger, Andrea Caroni, Hanspeter Thür und Dirk Helbing (von links). (Bild: pf)

«Ich schwimme im Thema. Die digitale Welt betrifft uns alle», sagte der reformierte Pfarrer Andreas Ennulat bei der Begrüssung. Um Begriffe wie Selbstverantwortung, Macht, Privatsphäre, Faszination und Angst drehte sich das 5. Wolfhäldler Bettagsgespräch.

Welche Gefahren lauern hinter «Big Data»? Zu Gast in der Kirche Wolfhalden waren Guido Berger (Redaktor srf digital), Andrea Caroni (Ausserrhoder Ständerat), Dirk Helbing (ETH Zürich), Anne Meyer (Slam-Poetry) und Hanspeter Thür (Eidgenössischer Datenschutzbeauftragter von 2001 bis 2015).

Die Dimension des Überblick-Verlierens

Der Umgang mit Daten sei schwierig und manche Gefahr allgemein bekannt, wurde gesagt. Alles nur negativ zu betrachten sei aber falsch. «Wenn ich sehe, wie die jungen Leute auf ihre Smartphones schauen, tun sie das oft mit einem Lächeln. Man bekommt von den digitalen Medien auch einiges», stellte Guido Berger fest. Er bezeichnete sich als Berufs-Optimisten. «Wer kontrolliert jene, die kontrollieren müssen?», fragte Anne Meyer. Hanspeter Thür sagte unter anderem: «Die Dimension des Überblick-Verlierens bringt es mit sich, dass da und dort Gleichgültigkeit herrscht.» Der Wissenschafter Dirk Helbing meinte: «Wir sind in eine digitale Unmündigkeit hineingerutscht. Es ist Zeit, aufzuwachen. Einfach das Kleingedruckte zu lesen reicht nicht aus.» Einig war sich die Runde darin, dass Technologie nicht als Schicksal hingenommen werden sollte, sondern die Menschen jene sind, die handeln müssten: Verbreitet sich das Wissen der Öffentlichkeit schnell genug, bevor es eine Verselbständigung gibt? Datensammlungen würden bereits zur Ausspionierung der Bürger und als totalitäre Steuerungselemente verwendet, wurde gesagt. «Ein repressives System wie in China wirkte aber auch schon zu analogen Zeiten. Was die Schweiz betrifft, bin ich zuversichtlich: Wir selber gestalten doch den Staat», meinte Andrea Caroni.

Privatsphäre in 30 Jahren ein Luxusgut?

Man müsse das Gleichgewicht der Kräfte zwischen Staat, Unternehmen und Bürgern wieder herstellen, ergänzte Helbing. Gibt es in 30 Jahren noch eine Privatsphäre? «Ja», antwortete Guido Berger, «aber es ist schwierig zu wissen, was dann als Privatsphäre definiert wird.» Er befürchte, Privatsphäre werde ein Luxusgut, sagte Hanspeter Thür.

«Es wäre schön, würde etwas aus der Nachdenklichkeit zu diesem Thema vom kleinen Wolfhalden hinaus strahlen», meinte Andreas Ennulat, als er nach eineinhalb Stunden den Anlass beendete.