Bestimmt der Frontalcortex des Gehirns das Verhalten von Kindern?

Am Montagabend war Professor Doktor Lutz Jäncke zu Gast in der Aula des Schulhauses Grüenau in Wattwil. Vor zahlreichen Pädagogen referierte er über die Rolle des Gehirnareals Frontalcortex bei der kindlichen Handlungssteuerung.

Franziska Huber
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Lutz Jäncke erklärte in seinem Referat «denn sie können nichts dafür», weshalb Kinder noch nicht fähig sind, Reize zu hemmen. (Bild: fhu)

Lutz Jäncke erklärte in seinem Referat «denn sie können nichts dafür», weshalb Kinder noch nicht fähig sind, Reize zu hemmen. (Bild: fhu)

wattwil. Die Aula des Grüenau- Schulhauses war bis auf den letzten Platz mit Pädagogen gefüllt. Alle erwarteten gespannt das Referat des renommierten Professors Lutz Jäncke, welcher seit 2002 ordentlicher Professor für Neuropsychologie der Universität Zürich ist. Mit Freude konnte Schulratspräsident Norbert Stieger den Neuropsychologen in Wattwil willkommen heissen: «Im Rahmen der Regionalen Pädagogischen Kommission haben wir die Ehre einmal im Jahr einen Fachmann nach Wattwil einzuladen.»

Ironie und Schalk

Obwohl Lutz Jäncke ein wenig angeschlagen war, konnte er das Publikum mit seinem humorvollen Einstieg von Beginn weg mitreissen. So gab er sich erstaunt über die Einladung, da in den vergangenen 15 Jahren wenig Interesse für die Neuropsychologie vorhanden gewesen sei. Er hoffte jedoch, in seinem Referat den Pädagogen aus neurowissenschaftlicher Sicht Einblick in das Denken der Kinder zu ermöglichen.

Nach dem Prolog stellte Lutz Jäncke das Begabungsmodell des Intelligenzquotienten in Frage: «Diese Etikettierung ist die einfachste Entschuldigung, etwas nicht zu tun, was man nicht kann. Wir kategorisieren – das Gute ins Köpfchen, das Schlechte ins Töpfchen. Diese Schubladisierung und Selektionierung hat sich als falsch erwiesen.» Die einzige Beweismöglichkeit bestand darin, eineiige Zwillinge, welche getrennt voneinander lebten, zu untersuchen. Das Resultat besagt, dass Begabung lediglich zur Hälfte genetisch bedingt ist, erklärte Jäncke.

Lernen durch Erfahrung

Dann stellte Lutz Jäncke die überspitzt genannte «One-Billion-Dollar-Question»: «Woher kommt der gesamte Rest?» Grosse Teile des Gehirns sind nicht stark genetisch determiniert. Der Mensch ist auf Erfahrung und Lernen angewiesen. Er ist sogar zum Lernen verdammt.

«Was mich während den letzten zwanzig Jahren faszinierte, ist die Plastizität des Gehirns», sagte Jäncke.

Aus diesem Grund hat er die Unterschiede der kortikalen Plastizität zwischen Profimusikern und Nichtmusikern untersucht. Jedes Hirngebiet, das die motorische, visuelle, auditive oder intellektuelle Kontrolle der Handlungsgebiete besitzt, hat sich im Verlaufe der Untersuchung verändert. Da das Gehirn flexibel und plastisch ist, sind Lehrpersonen gefordert, den Kindern strategische Hilfen beizubringen.

Umbau in der Pubertät

Mit zunehmendem Alter verkabeln sich die Gehirnteile immer mehr. Eine amerikanische Untersuchung über die Volumenveränderung des Frontalcortex kam zum Ergebnis, dass der Frontalcortex der Knaben bis zum zwölften und jener der Mädchen bis zum elften Lebensjahr wächst, und anschliessend abnimmt. Je jünger, desto stärker sind die Kinder durch äussere Reize abgelenkt.

Die Strukturen des Frontalcortex erfahren in der Pubertät einen enormen Umbau. Die exekutiven Funktionen wie Konzentration, Motivation, Selbstdisziplin, Aufmerksamkeitskontrolle und Emotion reifen erst mit dem Älterwerden. Jäncke betonte insbesondere die Wichtigkeit der Selbstdisziplin. Je intensiver man sich mit dem Schulstoff auseinandersetzt, desto bessere Schulnoten folgen.

Aus diesem Grund haben Schule und Elternhaus die Aufgabe, dem Kind beizubringen, sich den Verlockungen des Alltages zu entziehen und sich genügend dem Lernen zu widmen.

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