Bestaunt, beschenkt, beleidigt

Kriegsinternierte gab es in Ausserrhoden infolge des deutsch-französischen Kriegs und der beiden Weltkriege. Das Museum Herisau erzählt in einer Sonderausstellung ihre Geschichten.

Roman Hertler
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Rund zwei Dutzend Besucher liessen sich die Vernissage trotz des schönen Juniwetters nicht entgehen. (Bild: rh)

Rund zwei Dutzend Besucher liessen sich die Vernissage trotz des schönen Juniwetters nicht entgehen. (Bild: rh)

HERISAU. Kriegsinternierte hatten es in Appenzell Ausserrhoden nicht immer leicht. Das zeigt die Sonderausstellung «Bourbaki, Deutsche, Polen, Briten – Kriegsinternierte im Appenzellerland 1871 bis 1945», die am Donnerstag im Museum Herisau eröffnet wurde. So wurde etwa der österreichische Leutnant und Kriegsinternierte Ferdinand Bulle 1916 in Teufen von Schweizer Soldaten angerempelt und als «Sau-Schwob» beschimpft. Dieser musste sich im Restaurant Lustmühle in Sicherheit bringen, wo er die Polizei rief. Der Haupttäter wollte sich am folgenden Tag für seine Ausfälligkeiten persönlich bei seinem Opfer entschuldigen, konnte ihn aber nicht mehr ausfindig machen.

Gefangene «neutralisieren»

Internierung ist ein staatlich organisierter Freiheitsentzug, der Soldaten kriegführender Parteien entwaffnen und auf unbestimmte Zeit aus den Gefechten fernhalten sollen. Auch neutrale Staaten wie die Schweiz waren teilweise verpflichtet, Kriegsinternierte aufzunehmen und zu «neutralisieren». Erstmals geschah dies 1871, als die sogenannte französische Bourbaki-Armee die Schweizer Grenze überschritt. Die Bevölkerung wuchs damit innerhalb von zwei Tagen um satte drei Prozent an.

«Solche Zahlen sind aus heutiger Perspektive unglaublich», sagt der neu amtierende Regierungsrat Alfred Stricker, der der Vernissage am Donnerstagabend nicht von Amtes wegen beiwohnte. «Politisch war die Aufnahme so vieler Menschen immer eine grosse Herausforderung. Die Stimmung in der Bevölkerung schwankte zwischen Faszination und Angst.» Das sei heute nicht viel anders.

Tatsächlich weckte die Internierung der rund 1600 Bourbaki in der Kaserne in Herisau die Schaulust der Bevölkerung. Aus der ganzen Region reisten die Leute an mit der Hoffnung, einen Blick auf die nordafrikanischen Elitetruppen der Bourbaki, die sogenannten «Turkos», bei ihrem täglichen Rundgang erhaschen zu können. «Das muss für die Leute gewesen sein wie im Zoo», sagt der Historiker Thomas Fuchs, der die Ausstellung kuratiert hat. «Das war wohl das erste Mal, dass dunkelhäutige Menschen in Herisau waren.

Künstlerisches Highlight

Den Schwerpunkt der Ausstellung bilden die Kriegsinternierten des Ersten Weltkrieges. So zeigt die Ausstellung etwa alte Uniformröcke und Helme der Internierten aus dem Bestand des Museums Herisau. Hinzu kommen Leihgaben des Bundesarchivs, der Kantonsbibliothek und aus einzelnen Ausserrhoder Gemeinden. Viele der ausgestellten Objekte zeigen Einzelschicksale auf. Häufig sind es Briefe im Postkartenformat an Angehörige und Bekannte, die «SMS von damals», wie Kurator Thomas Fuchs sie nennt. Sie machen die Geschichten von damals lebendig.

Die grösste Herausforderung war es, 3D-Objekte für die Ausstellung zusammenzutragen, sagt Thomas Fuchs. «Die Sachen, die von den Internierten wohl im Zeughaus oder in der Kaserne zurückgelassen und später dem Museum übergeben wurden, sind ein Glücksfall.» Auch Kunstgegenstände sind überliefert. So hängt im Eingangsbereich das Highlight der Ausstellung: Ein Gemälde eines Internierten, das die improvisierte Interniertenkapelle in einer ehemaligen Textilappretur in Bühler schmückte. Das museale Schwergewicht bildet eine Holzkiste, die Kriegskasse der Bourbaki.