Best of 20 Jahre Schweizer Literatur

Als Abschluss des Jubiläumsjahrs 20 Jahre Städtli-Bibliothek war Literaturkritikerin Sandra Leis in Lichtensteig zu Gast. Sie stellte ihre persönliche Bestenliste der Schweizer Literatur der letzten 20 Jahre vor. Eingeladen war sie von der Vortrags- und Lesegesellschaft und der Städtli-Bibliothek.

Hansruedi Kugler
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Lichtensteig. Ist die Schweizer Gegenwartsliteratur «ein totes Feld»? Literaturkritiker Andreas Isenschmid hatte 1995 dieses provozierende und vernichtende Urteil über die Schweizer Schriftsteller gefällt. Das war fünf Jahre nach dem Tod der beiden Klassiker Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch. Kein Buch mehr habe seither den Nerv der Nation getroffen, meinte damals Andreas Isenschmid. So ganz unrecht habe er nicht gehabt, meinte Sandra Leis am Dienstagabend in der Städtli-Bibliothek.

Denn derart politische Schwergewichte wie Dürrenmatt und Frisch habe die Schweizer Literatur keine mehr hervorgebracht. Allerdings sei die Schweizer Literatur alles andere als ein totes Feld: Erstens sei die politische Abrechnungsliteratur der 60er und 70er Jahre ausser Mode gekommen und zweitens seien seit 1990 jede Menge originelle und gelungene Bücher erschienen, meinte Sandra Leis.

Aktueller Aufschwung

Seit der Verleihung des diesjährigen Deutschen Buchpreises habe sich ohnehin die Wahrnehmung total verändert: Der Roman «Tauben fliegen auf» der Schweiz-Ungarin Melinda Nadj Abonjis zeigt das Bild eines «gegenwärtigen Europa im Aufbruch, das mit seiner Vergangenheit noch lang nicht abgeschlossen hat», hatte die Buchpreisjury geschrieben.

Dieser Roman zeige exemplarisch auf, was ihr an der gegenwärtigen Literatur inhaltlich besonders gefällt, meinte Sandra Leis: Nämlich die intensive Verbindung von Biografie und Zeitgeschichte. Nadj Abonji erzählt die Geschichte einer ungarischen Familie aus der serbischen Vojvodina, die sich in der Schweiz eine Existenz aufbaut. Unter den Neuerscheinungen hob Sandra Leis auch «Der Goalie bin ig» des Berner Schriftstellers Pedro Lenz hervor.

Es ist ein Schweizer Dialektroman über einen Junkie, der nach dem Gefängnisaufenthalt ins Heimatdorf kommt und merkt, dass ihn seine Freunde verraten haben: «Ein Buch über die Tristesse der Provinz, eine gefühlvolle Liebesgeschichte und ein Psychogramm eines liebenswerten Schelms», schwärmte Sandra Leis.

20 Jahre Talente

Danach erzählte sich Sandra Leis durch eine literarische Zeitreise zuerst anhand der literarischen Talente und Entdeckungen: Peter Webers

Wettermacher, in welcher der Autor seine Hauptfigur mit hoher Raffinesse und mit frischer und überquellender Sprachkraft mit der Zeitgeschichte, der Urgeschichte, den Mythen und Legenden verknüpfe, sei immer noch ein beeindruckendes Buch. Von den Bibliothekarinnen erfuhr sie allerdings, dass diese den «Wettermacher» gerade aus der Bibliothek ausgemustert haben.

Bewundernswert findet Sandra Leis auch Peter Stamms Roman «Agnes», in der eine Liebesbeziehung tragisch endet, als der Mann die Liebesgeschichte aufschreibt und am Computer obsessiv vorausschreibt. Ruth Schweikerts unbarmherziger Blick auf trostlose Beziehungen und Familien, Agnes Schwitters scharfsichtige Beobachtungen des Alltags ohne Auflösung oder Psychologisierung oder Michel Mettlers kurioser Roman «Die Spange», ein «moderner Kaspar Hauser» – allesamt originelle

und wunderbare Erstlinge, an welche allerdings die späteren Bücher der Autoren leider nicht heranreichen, meinte Sandra Leis.

Die fleissigen Bewährten

Darum warf sie noch einen Blick auf eine Reihe der vor zwanzig Jahren bereits arrivierten Autoren: Allen voran auf Erica Pedretti mit ihren Kindheitserinnerungen «Engste Heimat» und auf Thomas Hürlimann, den ihrer Meinung nach bedeutendsten unter den lebenden Schweizer Schriftstellern.

Hürlimann schaffe es wie kein zweiter Schweizer Autor, auch seine Nebenfiguren bis in alle Details plastisch und spürbar zu beschreiben. Und mit dem Roman «Der grosse Kater» habe Hürlimann ein präzises und dramatisches Stück über eine Bundesratskarriere geschrieben.

Herausragend seien aus ihrer Sicht auch Klaus Merz mit der knappen, berührenden Familienerinnerung «Jakob schläft», Urs Widmers «Der Geliebte der Mutter», Adolf Muschgs «Sutters Glück», Christian Hallers

«Trilogie des Erinnerns», Urs Faes' «Und Ruth», Lukas Bärfuss «Hundert Tage» sowie die beiden Preisträger des Schweizer Buchpreises: Ilma Rakusa mit «Mehr Meer» und Rolf Lappert mit «Nach Hause schwimmen». Auf jeden Fall habe die Städtli-Bibliothek in den zwanzig Jahren ihres Bestehens eine gute Nase gehabt. Etwa die Hälfte der erwähnten Autoren habe nämlich in der Lichtensteiger Bibliothek selbst vorgelesen.