BERLIN: «Ich vermisse den Blick zum Säntis»

Jeremias Treu, vier Jahre evangelischer Pfarrer in Kirchberg, ist Ende August aus familiären Gründen in seine Heimat Deutschland zurückgekehrt. Auf Besuch in der Schweiz stand er dem «Toggenburger Tagblatt» Rede und Antwort.

Beat Lanzendorfer
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Trotz Arbeitsplatz in Berlin, kehrt der 55-jährige Jeremias Treu immer wieder gerne ins Toggenburg zurück. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Trotz Arbeitsplatz in Berlin, kehrt der 55-jährige Jeremias Treu immer wieder gerne ins Toggenburg zurück. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Jeremias Treu, kam der Umzug vom beschaulichen Kirchberg mit seinen 3500 Einwohnern in die Vier-Millionen-Metropole Berlin einem Kulturschock gleich?

Ja, das kann man so sagen. Wenn man in der Gemeinde Kirchberg durch die Strassen geht, begrüssen einen die Menschen. Diesen Begrüssungsimpuls hatte ich bei meinem Umzug noch in mir. In der Grossstadt werde ich aber schräg angeschaut, wenn ich die Menschen begrüsse. Hier ist alles halt viel grösser und anonymer.

Was schätzen Sie an Berlin, das Sie an Ihrem einstigen Wohnort Kirchberg nicht hatten?

Die Verfügbarkeit. Wenn ich etwas brauche, gehe ich einkaufen. Es gibt in der Nähe Geschäfte, die haben 24 Stunden geöffnet. Hier in Berlin bin ich zum Beispiel häufiger mit dem Fahrrad unterwegs als in Kirchberg. Durch die unterschiedliche Höhenlage und die Entfernungen der Dörfer, war es in der Schweiz sinnvoller, auf das Auto zurückzugreifen.

In welchem Stadtteil von Berlin leben Sie mit Ihrer Ehefrau Sigrid?

Wir wohnen in Charlottenburg. Ein Stadtteil, der zum alten Westberlin gehört. Charlottenburg ist ein gut bürgerliches Viertel. Hier haben wir eine gemütliche Dachwohnung in einem mehrgeschossigen Haus gefunden. Die Lage ist zentral, wir können vieles zu Fuss erreichen.

Sie leben nun seit drei Monaten in der deutschen Hauptstadt. Haben Sie sich schon eingelebt?

Zum Einleben gehören in erster Linie Menschen. Das geht nicht in zwei drei Monaten. Das braucht Zeit, bis etwas wächst. In einer anonymen Grossstadt sind zwar effektiv viel mehr Menschen, trotzdem ist es nicht so leicht, Freunde zu finden.

Wie sieht Ihre tägliche Arbeit aus?

Ich fahre meistens mit dem Fahrrad zur Arbeit. Dafür benötige ich etwa zehn Minuten. Mein Job beginnt in der Regel zwischen 8 und 9 Uhr. Passiert nichts Aussergewöhnliches, endet der Arbeitstag um 17 Uhr. Zurzeit lese ich noch sehr viel über verschiedene Konzepte für Konfirmandenarbeit. Zunehmend rufen mich jetzt aber Gemeinden und Kirchenkreise an, die ihre Konfirmandenarbeit neu aufstellen und mich als Berater beiziehen möchten.

Erwarten Sie dabei Schwierigkeiten?

Ein grosses Thema ist die Religionslosigkeit in Ostdeutschland. Über 60 Prozent der jungen Leute haben mit Kirche überhaupt nichts zu tun. Haben diese jungen Menschen nicht die gleichen Fragen an das Leben wie ihre Altersgenossen? Haben sie nur eine andere Sprache für Spiritualität? Solche Fragen bewegen mich momentan. Es gibt Beispiele von Lebenswendefeiern in Kirchen mit Musik, Texte, Gebeten und einer persönlichen Segnung für genau diese Jugendlichen. Da kommen dreimal so viele wie zur Konfirmation. Die Situation ist mir nicht ganz unvertraut. Als in der ehemaligen DDR Aufgewachsener, war ich der Einzige in der Klasse, der konfirmiert worden ist.

Wie muss man sich das vorstellen, wie gross ist Ihr Einzugsgebiet?

Ich bin für Berlin und die «Ekbo» zuständig. «Ekbo» ist die Abkürzung für eine Landeskirche. In der Schweiz wäre es die Kantonalkirche. Hier heisst es evangelische Kirche Berlin-Brandenburg schlesische Oberlausitz. Es umfasst das Gebiet von Görlitz bis weit in den Norden. Dies ist um ein Vielfaches grösser als der Kanton St. Gallen. Ich bin nicht derjenige, der die Konfirmandenarbeit macht, sondern die begleitet, die dafür zuständig sind. Hier versuche ich, meine Ideen einfliessen zu lassen.

Sie sind in Ihre Heimat zurückgekehrt, weil Ihre zwei Töchter und die Enkelkinder hier leben. Sehen Sie Ihre Familie jetzt häufiger?

Luise, eine unserer Töchter, ist mindestens zweimal in der Woche bei uns. Ich sehe sie regelmässig am Freitagnachmittag. Als Familie sind wir viel näher zusammengerückt. Meine Frau und ich geniessen es, dass wir ein Stück ihres Alltags sein dürfen. Unsere zweite Tochter Ulrike wohnt noch ungefähr eineinhalb Stunden weg, sie kommt im nächsten Jahr allerdings auch nach Berlin. Wichtig ist aber genauso, dass wir in der Nähe meiner Eltern sein können, die auf der Insel Rügen leben.

Sehnen Sie sich trotzdem manchmal nach Ihrer Arbeit in der Schweiz zurück?

Es ist sicher richtig, dass wir uns zugunsten unserer Familie entschieden haben. Ich denke gern an Kirchberg und meine Arbeit als Gemeindepfarrer, aber ich schaue nicht zurück, sondern nach vorn. Vor mir liegt ein sehr interessantes Arbeitsgebiet für unsere Kirche und da möchte ich mich genauso mit Leib und Seele einbringen, wie ich es in Kirchberg getan habe.

Kommen Sie in der Grossstadt eigentlich noch zum Joggen?

Leider nicht mehr so oft wie früher, als ich mit Peter Künzle drei- bis viermal in der Woche unterwegs war. Ein- bis zweimal komme ich aber schon noch dazu. Meine bevorzugte Strecke befindet sich im Grunewald. Ein herrliches Naherholungsgebiet in unserer unmittelbaren Umgebung. Ich bin jetzt auch häufiger im Fitnessstudio, vor allem jetzt bei diesem Wetter. Laufen ist allerdings meine bevorzugte Disziplin, darum habe ich den Halbmarathon beim Frauenfelder absolviert. Eine Herausforderung wäre zudem der Zürich Marathon.

Was vermissen Sie an der Schweiz?

Ich dachte immer, die Deutschen seien zuverlässig. Seit meiner Rückkehr sehe ich, das stimmt so nicht ganz. Wenn in der Schweiz jemand etwas sagt, kann man sich darauf verlassen. Betreffend Behörde merke ich jetzt, wie perfekt alles in der Schweiz organisiert ist. Vermissen tue ich selbstverständlich die traumhafte Landschaft, die ist grandios, und mein täglicher Blick zum Säntis fehlt mir auch. Und nicht zu vergessen meine regelmässigen Treffen mit den Menschen. Ich denke da an Albin Rutz, den katholischen Pfarrer, mit dem ich eine sehr angenehme Zusammenarbeit pflegte.

Spüren Sie auch Unterschiede bei den Menschen?

Die Berliner sind sehr direkt und knallen dir immer alles direkt an den Kopf. Die Schweizer sind zurückhaltender. Ein angenehmer Nebeneffekt, an den ich mich gewöhnt habe. In meiner Wahrnehmung sind die Schweizer bescheidener. Aber vielleicht trifft meine Einschätzung nur auf das Ländliche zu, ich kenne die Menschen in einer Grossstadt wie zum Beispiel Zürich ja nicht.

Sind Sie noch öfter in der Schweiz?

Meine Frau Sigrid arbeitet weiterhin während dreier Tage in der Woche als Zahnärztin in St. Gallen. Von Haus zu Haus benötigt sie dafür mit dem Flugzeug rund dreieinhalb Stunden. Dadurch bin auch ich regelmässig in der Schweiz. Ich denke, so alle zwei Monate sicher.

Sie waren vier Jahre in der Schweiz, davor sechs Jahre in Barcelona. Hat sich Deutschland in dem Jahrzehnt Ihrer Abwesenheit verändert?

Ich bin in der ehemaligen DDR geboren und aufgewachsen. Jetzt lebe ich zum ersten Mal «im Westen» also in «Westberlin». Deutschland hat sich insgesamt verändert. Das politische Spektrum ist anders. Es gibt wieder eine Partei, die gegen Fremde hetzt und jetzt im Bundestag sitzt. Ich spüre auch, dass das Thema Ost/West immer noch eine Rolle spielt. Wir sind jetzt länger ohne als mit Mauer, trotzdem geistert sie noch immer in den Köpfen. Häufig taucht die Frage auf: Kommst du aus dem Westen oder aus dem Osten? Das zeigt mir, dass weiterhin Vorbehalte existieren. Ich hatte gehofft, dass diese nach einem Jahrzehnt der Abwesenheit nicht mehr so ausgeprägt sind.

Spüren Sie dies in Ihrer kirchlichen Arbeit?

Was im Osten von Deutschland kirchlich gerade passiert, davon kann man sich in der Schweiz keine Vorstellung machen. Es gibt hier Gebiete, grossflächig, in denen gehören nur noch zwischen sechs und acht Prozent der Menschen der Kirche an. Die Konsequenzen davon: Ein Pfarrer hier muss in ganz ländlichen Regionen auch mal 20 Dörfer, mit 20 Kirchen betreuen. Das ist unglaublich aufreibend für die kirchlichen Mitarbeiter. Regionalisierung heisst das Zauberwort, aber die Menschen haben dabei das Gefühl auf der Strecke zu bleiben.

Haben Sie Ihren Entscheid, nach Berlin zu gehen, schon einmal bereut?

Beruflich ist es etwas ganz anderes. Hier kommen Dinge auf mich zu, die ich vorher in dieser Form nicht eingeübt habe. Ich habe schon ein paar Mal gedacht, wenn du in Kirchberg geblieben wärst, wüsstest du jetzt, was du machen musst. Als Gemeindepfarrer bekommt man auch viel positive Rückmeldungen. Das ist immer motivierend. Das erlebe ich so unmittelbar als Studienleiter einer Bildungseinrichtung nicht. Ich denke, nach einem Jahr kann ich ungefähr sagen, ob es so für mich stimmt. Ich habe auch in Kirchberg Zeit gebraucht, mich zu orientieren und ein Netzwerk aufzubauen. Ich musste ja zuerst die Menschen kennen lernen. Privat stimmt es für mich aber zu hundert Prozent.

Könnten Sie sich trotzdem vorstellen, noch einmal im Ausland zu arbeiten?

Wenn ich spüre, dass ich hier unglücklich werde, würde ich etwas verändern. Aber das sehe ich nicht kommen. Im Gegenteil. An Herausforderungen kann man immer wachsen. In erster Linie aber freuen wir uns über die Nähe zu unseren Töchtern und Enkelkindern.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass wir weiter in Frieden und Freiheit leben können. Dafür möchte ich mich auch als Pfarrer gern engagieren. Und dann wünsche ich mir, dass das Glück immer wieder einmal an meine Tür klopft und fragt, ob es einen Augenblick bei mir bleiben kann.