«Benutzen Sie Ihr Gehirn!»

Das Gehirn wird im Alter kleiner. Aber es ist nicht dem Verfall preisgegeben, produziert sogar noch neue Nervenzellen. Mit diesen Botschaften konnte am Mittwochabend Daniel C. Kiper das Publikum der Sonntagsgesellschaft beglücken.

Nadine Rydzyk
Merken
Drucken
Teilen
Daniel C. Kiper erklärt dem Publikum die Bedeutung der Frontallappen für die Motorik und situationsgerechte Handlungen. (Bild: Thomas Geissler)

Daniel C. Kiper erklärt dem Publikum die Bedeutung der Frontallappen für die Motorik und situationsgerechte Handlungen. (Bild: Thomas Geissler)

WATTWIL. Eine gute Nachricht kann gleich vorab geschickt werden: Anders als lange vermutet, hat die moderne Neurowissenschaft in den vergangenen Jahren bewiesen, dass das menschliche Gehirn auch im Erwachsenenalter noch lernfähig bleibt. Das alte Sprichwort «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr», kann also ad acta gelegt werden.

Darüber und wie das menschliche Gehirn funktioniert und auch im Alter lernfähig bleibt, referierte am Mittwoch der Neurowissenschafter Daniel C. Kiper vom Institut für Neuroinformatik Universität Zürich ETHZ. Auf Einladung der Sonntagsgesellschaft Wattwil klärte er in der Aula des Berufs- und Weiterbildungszentrums Toggenburg über «gesunde Expertengehirne» auf.

Aktivität ist der Schlüssel

Neben den normalen Auswirkungen der Alterung des Gehirns umschrieb der Leiter des Lifescience Zurich Learning Centers der ETHZ vor allem, welche Faktoren die Alterungseffekte verlangsamen können und welche physiologischen Prozesse dabei involviert sind. Ähnlich wie beim Rest des Körpers lautet hier das Schlüsselwort «Aktivität». Wie bei den Muskeln muss das Gehirn genutzt werden, um seine Funktionsfähigkeit zu erhalten. Auch wenn im Alter tatsächlich eine Gehirnschrumpfung einsetzt, sei diese aber nach neuen Erkenntnissen der Forschung deutlich geringer als gedacht. «Ausserdem ist dies nichts Negatives, sondern bedeutet nur, dass man sich spezialisiert, also weniger Nervenzellen die gleichen Aufgaben übernehmen.» Mit der Alterung setzt somit eine grössere Effizienz ein. «Das bedeutet auch nicht, dass bei diesem Prozess Informationen verloren gehen», so Dr. Daniel C. Kiper.

Auch mit einem weiteren Irrglauben konnte er aufräumen: «Anders als vermutet produzieren sogar einige Regionen im Gehirn auch im Alter noch neue Nervenzellen.» Diese Nervenzellen kommunizieren über Chemikalien und elektrische Impulse miteinander. Letztere werden «wie durch isolierte Kabel weitergeleitet, deren Isolation mit der Alterung dünner wird», erklärte der Psychologe und Neurobiologe, wie die Funktionalität im Alter beeinträchtigt wird. Doch seien nicht alle Gehirnregionen gleich stark von diesem Alterungsprozess betroffen. Gerade in dem für Planungen und das Gedächtnis wichtigen Frontallappen allerdings schreite diese Alterung schneller voran.

Die Frontallappen pflegen

Doch habe er in Interviews mit «Experten», also aktiven Senioren, eine Hand voll wichtiger Faktoren herauskristallisieren können, die dazu beitragen, die natürliche Alterung des Gehirns in Grenzen zu halten.

Neben dem bekannten Faktor einer guten Ernährung, die das Organ mit den nötigen Nährstoffen versorgt, hat sich dabei herausgestellt, dass auch körperliche Aktivitäten wichtig für die Produktion neuer Nervenzellen im Gehirn sind. Aber auch der Sport für das Gehirn selbst, also die Herausforderung durch das Lösen von Problemen und die Impulse durch Veränderungen, Überraschungen und Neuerungen sind wichtig. «Das Gehirn muss aktiv bleiben und man sollte durch das Lösen von Problemstellungen und die Interpretation von Neuigkeiten seine Frontallappen pflegen», fasste Dr. Daniel C. Kiper zusammen.

Ein Rätselheft ist also in der Tat mehr als Unterhaltung, sondern faktische Gehirnfitness. Und schliesslich ist es auch die Liebe, welche nachweislich stimulierende Effekte hat.

Damit sei nicht nur die romantische Liebe gemeint, wie er aufklärte, sondern generell der positive Kontakt und Beziehungen zu anderen Menschen, durch den das Belohnungszentrum im Gehirn angeregt wird. Noch eine gute Nachricht sei zum Abschluss vermerkt: «Der regelmässige Konsum von ein bis zwei Gläsern Rotwein ist nicht nur für den Kreislauf gut, sondern kann auch den Verlauf von Demenzerkrankungen bremsen. Mit den Worten «Wenn man es nicht übertreibt, versteht sich», sorgte Dr. Daniel C. Kiper für allgemeine Begeisterung im äusserst zahlreich erschienenen Publikum. Zwar sei der Grund für diesen Effekt noch nicht erforscht, doch habe man einen Zusammenhang nachweisen können.

Und so konnte Daniel C. Kiper bei seinem Vortrag im Fazit betonend festhalten: «Geniessen Sie das Leben und benutzen Sie Ihr Gehirn!»