Bemaltes war einst gross in Mode

Früher hat es in der Bevölkerung zum guten Ton gehört, ein schönes, bemaltes Bauernmöbel im Wohnzimmer stehen zu haben. Heute ist das passée. Das Ackerhus birgt aber eine hervorragende Kollektion einheimischer Original-Möbel.

Jost Kirchgraber
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Eine 300jährige Schablonentruhe wurde schon vor 200 Jahren teils blau übermalt. (Bilder: pd)

Eine 300jährige Schablonentruhe wurde schon vor 200 Jahren teils blau übermalt. (Bilder: pd)

EBNAT-KAPPEL. Bemalte Möbel sind nicht mehr gefragt. Möbel ohnehin. Überhaupt: Wozu noch Kleider aufbewahren? Denn was man heute trägt, entsorgt man morgen, wenn es einem nicht mehr gefällt. Es fehlt ja nur schon der Platz. Man hätte ja auch keine Ahnung, wo man solch einen Schrank oder ein Buffet überhaupt aufstellen könnte. Ist ja auch alles verglast in der neuen Wohnung.

Fälschercliquen blühten

Aber es gab eine Zeit, wo es zum guten Ton gehört hat, ein schönes Bauernmöbel im Wohnzimmer zu haben. Vor 40 Jahren blühten die Antiquitätengeschäfte. Und eine farbige Truhe hatte ihren Preis. Für einen schönen Schrank bezahlte man gut und gern zehntausend Franken. Und manch einer sagte sich: Wieso nicht einen rohen Tannenschank neu bemalen, nach alten Mustern, und dann verkaufen für antik?

Jedenfalls entstand speziell in der Ostschweiz eine eigentliche Fälscherclique, die sich, wie nicht anders zu erwarten, auch gegenseitig die Hände wusch. Das waren äusserst geschickte Restauratoren, die immer raffinierter «Antiquitäten» produzierten, mitunter sogar mit künstlichen Wurmlöchern. Einer erzählte, dass er jeweils auf Friedhöfen und in Kirchenarchiven echte Namen aufgespürt habe, zum Beispiel den Namen einer Frau und deren Heiratsjahr, damit er dann einen Hochzeitsschrank mit historischer Inschrift und Jahreszahl sozusagen als nachweisbar original anbieten konnte. Nicht nur Laien fielen darauf herein.

«Shabby chic» ist schick

So bot noch 2011 das renommierte Zürcher Auktionshaus Koller einen bemalten Appenzeller Schrank an, der eine reine Fälschung war. Angeschrieben auf die Namen «Ulrich Rechsteiner 1754 Maria Josepha Nef». Das ist verdächtig.

Denn um 1754 lautete der weibliche Nachname hierzulande immer auf -in: Nefin, nicht Nef. Oder das untere Füllungsfeld rechts: «Da reitet ein Senn auf einem Pferd mit Kuhschwanz.» Soll das ein Witz sein? Dass ausserdem die Appenzeller Bauern um 1754 bereits das rote Brusttuch trugen, ist nicht möglich. Diese Darstellung ist Folklore. Das Ackerhus birgt eine hervorragende Kollektion einheimischer Original-Möbel. Es hat allerdings auch ein paar Stücke darunter, die so, wie sie aussehen, einem neu gestalteten Museum nicht zumutbar wären. Zum Beispiel eine Orgel, die aussieht, als ob sie in einen Hobbykurs für Bauernmalerei geraten wäre. Die originale Malschicht hatte sich offensichtlich in einem Zustand befunden, der den Besitzer oder die Besitzerin dazu verleitete, den Pinsel in die Hand zu nehmen, um dem Ganzen wieder quasi zu neuem Glanz zu verhelfen.

Restauratorisch verantwortbar ist heute einzig das sorgsame Abdecken einer solchen Übermalung und zu respektieren, dass das Möbel hinterher dann halt etwas abgenutzt daherkommt. Das nennt sich heute übrigens «Shabby chic». Viel schwerer fiel der Entscheid bei einer 300jährigen Schablonentruhe, die blau übermalt worden war. Dies wurde sie aber schon vor 200 Jahren, zur Zeit des Rokoko. Also zwei historische Malereien übereinander.

Was tun? Nach langem Bedenken will man jetzt der ersten, älteren Malschicht den Vorzug geben. Dies aufgrund der Qualität und Seltenheit der Schablonenmalerei, mit der auch die Form der Truhe wunderbar harmonieren wird.

Kostet nicht immer gleich viel

Bemalte Möbel sind wie gesagt ausser Mode. Die Preise dafür sind eingebrochen. Für das Ackerhus bedeutet das aber nichts. Es hält sich getrost an einen Ausspruch des vor ein paar Jahren verstorbenen, legendären Möbelsammlers Rolf Kalberer, der einmal sagte: «Ein schöner Toggenburger Kasten hat immer seinen Wert, er kostet nur nicht immer gleich viel.»

Täuschend echt bemalt, aber kein Original. Der Appenzeller Schrank ist eine reine Fälschung. (Bilder: pd)

Täuschend echt bemalt, aber kein Original. Der Appenzeller Schrank ist eine reine Fälschung. (Bilder: pd)