Beizenende nach Zerwürfnis

LICHTENSTEIG. Am 21. Juni ist Austrinkete: Gaby Zenger und Edy Stoller verlassen dann die Traditionsbeiz «Bären» in der Lichtensteiger Altstadt. Sie haben den Pachtvertrag im Streit mit der Vermieterin gekündigt. Das Haus an der Hauptgasse 18 wird zum Verkauf ausgeschrieben.

Hansruedi Kugler
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Treue Stammkundschaft: Gaby Zenger hat in den letzten zwanzig Jahren im «Bären» viele Stammkunden gewonnen. (Bilder: Hansruedi Kugler)

Treue Stammkundschaft: Gaby Zenger hat in den letzten zwanzig Jahren im «Bären» viele Stammkunden gewonnen. (Bilder: Hansruedi Kugler)

LICHTENSTEIG. Gaby Zenger ist enttäuscht. Seit zwanzig Jahren wirtet sie im «Bären» Lichtensteig, eine der wenigen noch übrig gebliebenen alteingesessenen Beizen im Städtli – beliebt bei Handwerkern für Znüni und Mittagessen, beliebt auch bei einer treuen Stammkundschaft. Diese schütteln denn auch am Stammtisch über dem Mittagessen den Kopf. Ende Dezember hat Gaby Zenger nämlich den Pachtvertrag gekündigt – im Zorn: «Für jede kleine Sanierung mussten wir die Vermieterin drängen.» Seit Jahren sei nur immer das absolut Notwendigste gemacht worden. Einmal habe sie die Gaststube sogar auf eigene Kosten gestrichen. Gaby Zenger zeigt die Mängel: Der Novilon in der Küche hat Löcher, der Verputz im Keller bröckelt, so dass dieser nicht zur Lagerung der Lebensmittel benutzt werden kann. Deshalb habe sie Ende 2012 entschieden, die Pacht jeweils ein paar Tage später im Monat einzuzahlen, sagt Gaby Zenger. Der auf die kleine Provokation folgende Briefwechsel zwischen Wirtin und Vermieterin hat das Zerwürfnis bloss noch beschleunigt.

«Ein paar Jahre weitergemacht»

«Vielleicht nicht bis zur Pensionierung, aber ein paar Jahre hätten wir noch weitergemacht», sagt Gaby Zenger. Seit 32 Jahren arbeiten sie und Edy Stoller in der Gastronomie zusammen, waren zwischendurch auch privat ein Paar. Das ist zwar seit elf Jahren vorbei, «aber beruflich funktionierte es weiterhin sehr gut.» Ein Kauf des «Bären» sei aber für sie nicht in Frage gekommen, nur schon wegen ihres Alters: Gaby Zenger ist 50, Edy Stoller wird 57 Jahre alt. Der «Bären» aber ist nicht nur ihre berufliche Existenz. «Wir haben hier eine sensationelle Stammkundschaft», sagt Gaby Zenger. Die gebürtige Mosnangerin ist eine eingefleischte Lichtensteigerin geworden. Das Angebot, in St. Gallen ein Restaurant zu führen, habe sie deshalb ausgeschlagen. Der «Bären» unter den Arkaden der Lichtensteiger Hauptgasse hat allerdings auch schon lebhaftere Zeiten gesehen, als der montägliche Kalbermarkt noch im Städtli war, als die Jassrunden noch jeden Abend die Beizen füllten. Die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen auch die Öffnungszeiten der Städtli-Beizen. Bis vor fünf Jahren hatte der «Bären» fünf Tage die Woche von morgens bis spätabends geöffnet. Seither ist er eine Tages-Beiz geworden, abends ist nur noch am Freitag geöffnet. «Für die Nachtschwärmer genügen die zwei Bars in der Altstadt, da braucht man sich nicht noch zusätzlich die wenigen Kunden wegzuschnappen», sagt Gaby Zenger.

Vermieterin bedauert

«Schade, dass es so im Streit endet», sagt Beatrice Pfiffner-Abderhalden, nach dem Tod ihrer Eltern seit 2004 Besitzerin des «Bären». Seit 1952 ist das Gebäude an der Hauptgasse im Familienbesitz. Sie selbst ist sozusagen im Restaurant aufgewachsen, hat als Kind und Jugendliche oft mitgeholfen. Ihre Mutter Louise Abderhalden hatte das Haus 1952 gekauft und jahrzehntelang im «Bären» auch selbst gewirtet. «Über viele Jahre hinweg stand sie 365 Tage im Jahr im Restaurant. Das macht heutzutage natürlich zurecht niemand mehr», sagt Beatrice Pfiffner-Abderhalden. Selbst zu wirten, sei für sie deshalb nie in Frage gekommen: «Ein Restaurant zu führen und Familienleben zu haben, ist sehr schwer zu vereinbaren. Das wissen Wirtefamilien. Für mich war das Familienleben wichtiger», sagt sie. Weil auch ihre Kinder kein Interesse am «Bären» haben, sei für sie schon lange klar: Wenn die derzeitigen Pächter aufhören, werde sie das Haus verkaufen. «Das haben wir den Pächtern schon vor Jahren gesagt. Aber verkauft wird erst, wenn die Pächter aufhören. In diesem Sinne kamen wir Gaby Zenger entgegen», sagt Beatrice Pfiffner-Abderhalden.

«Das Notwendige erneuert»

Beatrice Pfiffner-Abderhalden bedauert, dass es aufgrund der Pachtzins-Zahlungen zum Zerwürfnis gekommen ist: «Mir hat gefallen, wie Gaby Zenger und Edy Stoller in den letzten zwanzig Jahren den Bären geführt haben.» Den Vorwurf, sie habe über die letzten Jahre hinweg zu wenig ins Haus investiert, lässt Beatrice Pfiffner-Abderhalden so nicht gelten: «Für mich war klar, dass ich keine grosse Renovationen in Auftrag gebe. Erstens weil ich das Haus ohnehin früher oder später verkaufe und zweitens, weil ich nicht wusste, wie lange die derzeitigen Pächter bleiben. Der Pachtvertrag wurde jeweils halbjährlich verlängert. Einen längerfristigen Vertrag wollten die Pächter nicht.» Das Notwendige und Beanstandungen habe sie allerdings immer reparieren und erneuern lassen: Etwa die Polster beim runden Stammtisch. Die Treppe in den Keller und das Kaltwasser auf dem Gang seien schon vor zwanzig Jahren beim Pachtbeginn von Gaby Zenger und Edy Stoller so gewesen, sagt Beatrice Pfiffner-Abderhalden: «Von Sachen, die stören, aber von denen wir nichts wissen, können auch nicht behoben werden.» Der Verkauf des «Bären» ist unterdessen in die Wege geleitet. Zoller+Partner hat den Auftrag erhalten, einen Käufer zu finden: «Wenn der Bären als Restaurant verschwinden würde, wäre das schade. Garantieren können wir das Weiterbestehen aber nicht», sagt Beatrice Pfiffner-Abderhalden.

Zukunft bei der ZAB?

Konkrete Pläne für die Zukunft haben hingegen Gaby Zenger und Edy Stoller bereits: Er wird im Sommer im Restaurant Köbelisberg kochen, sie möchte künftig Teilzeit als Beladerin auf einem Kehrichtwagen arbeiten. Diese aussergewöhnliche Idee («wenn ich das erzähle, lachen alle meine Gäste») habe sie schon seit ihrer Jugend im Kopf. «Kräftig genug bin ich, schliesslich habe ich in meinem Leben schon viele Harasse geschleppt.» Einen ersten Schnuppertag hat Gaby Zenger bereits absolviert, ein rotes T-Shirt mit dem ZAB-Schriftzug trägt sie auch schon – beides waren Geschenke zu ihrem 50. Geburtstag.

Der «Bären» an der Lichtensteiger Hauptgasse 18.

Der «Bären» an der Lichtensteiger Hauptgasse 18.

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