Beim Basarhändler in Winkeln

Es war eine riesengrosse Eins auf rotem Hintergrund. Darüber hiess es in grossen Lettern: «Der Hammer dieser Woche!» Das Versprechen: Ein USB-Stick für einen Franken.

Michael Genova
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Appenzeller Verlag (Bild: Michael Genova)

Appenzeller Verlag (Bild: Michael Genova)

Es war eine riesengrosse Eins auf rotem Hintergrund. Darüber hiess es in grossen Lettern: «Der Hammer dieser Woche!» Das Versprechen: Ein USB-Stick für einen Franken. Eigentlich wollte ich auf dem Rückweg vom Appenzeller Vorderland auf direktem Weg in die Redaktion nach Herisau zurückkehren. Doch dann kam mir diese Anzeige dazwischen – ich hatte sie in der Mittagspause in einer Zeitung entdeckt. Plötzlich fühlte ich mich unter Druck. Schliesslich galt das Angebot nur am Samstag, es gab nur ein Stück pro Person und vor allem: nur solange Vorrat. Ich setzte den Blinker, nahm die Ausfahrt Winkeln und fuhr zum Westcenter.

Noch nie habe ich für einen USB-Stick etwas bezahlt. Vor einigen Jahren waren diese Speicherstäbchen ein wertvolles Gut. Auf Messen und Kongressen waren sie als Werbegeschenk begehrt. Heute finde ich in meiner obersten Schreibtischschublade auf Anhieb sechs Stück. Wozu also einen siebten kaufen? Wozu der Plastik, die Verpackung? Hergestellt wahrscheinlich in einer Fabrik auf den Philippinen: 60-Stunden-Woche, tiefe Löhne, hoher Produktionsdruck. Mein Geist war zwar willig, doch ich musste diesen Stick einfach haben!

Im Mediamarkt war die Grabbelkiste gleich beim Eingang aufgestellt. Zuerst schauten die Einkaufenden ungläubig und drehten erst einige Runden um die Kiste. Ein älteres Paar mit einem Bügeleisen, eine junge Frau mit einem Heizstrahler, ein Rentner mit einer Zahnbürste. Schliesslich nahmen sie alle einen USB-Stick mit und gingen zur Kasse. Dabei liegt das Kalkül der Mediamarkt-Verführer auf der Hand. Sie wissen: Im Kopf jedes Schnäppchenjägers wohnt ein kleiner Affe, der flüstert, wispert und fleht: «Ich will es, ich will es jetzt». Um die Aufmerksamkeit des Affen zu erregen, wirbt die Elektronikkette wie ein Teppichhändler: Mit dem permanenten Ausverkauf.

Als ich mit meinem USB-Stick zur Kasse kam, fragte mich die Verkäuferin: «Darf ich Sie für die Statistik nach der Postleitzahl Ihres Wohnorts fragen?» Ich dachte nur: Moderne Basarhändler, moderne Methoden.