«Bei uns ist das Boot noch nicht voll»

Die aktuelle Flüchtlingskrise beschäftigt nicht nur Politiker, sondern auch die Schüler der Kantonsschule Trogen. Zusammen mit dem Kantonsschulverein hat der Schülerverein am Mittwochabend ein Podium organisiert. Der Andrang war gross, das Thema schwierig.

Stephanie Sonderegger
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Motivierte Gäste und eine volle Aula an der Kantonsschule Trogen: Der «Trogen Talk» war ein Erfolg. (Bild: sso)

Motivierte Gäste und eine volle Aula an der Kantonsschule Trogen: Der «Trogen Talk» war ein Erfolg. (Bild: sso)

TROGEN. Es war ein spezieller Abend für die Schülerorganisation der Kantonsschule Trogen am Mittwoch: Der «Trogen Talk» bildete den Abschluss des thematischen Schwerpunkts «Flucht oder Migration?», welcher in der Vorwoche in den Klassen behandelt wurde. Zum Podium waren verschiedene Experten eingeladen: Andres Büchi, Chefredaktor des «Beobachters», Arne Engeli, ehemaliger Programmbeauftragter beim Hilfswerk Heks, Daniel Thürer, Professor für Völkerrecht und Europarecht an der Universität Zürich, sowie Jürg Eberle, Leiter des Migrationsamts des Kantons St. Gallen. Moderiert wurde der Anlass von Hanspeter Spörri.

«Willkommenskultur» als Fehler

«Die Schweiz wurde schon mit anderen Zahlen fertig», sagte Jürg Eberle, Leiter des Migrationsamts des Kantons St. Gallen, in seinem einführenden Referat im Hinblick auf die aktuelle Situation bei den Asylgesuchen. «1999 wurden fast 48 000 Asylgesuche gestellt», so Eberle. Grund dafür sei der Konflikt im Kosovo gewesen. Anderer Meinung war Andres Büchi. «Die Menge an Menschen führt zur Zerreissprobe für die Gesellschaft», sagte er. Zudem halte er nichts von der sogenannten «Willkommenskultur», die von Bundeskanzlerin Angela Merkel gepflegt werde. «Die Zielländer dürfen nicht aus dem Gleichgewicht geraten.» Sein Lösungsansatz: Einerseits klare Signale senden, dass die Aufnahme-Grenze erreicht sei, andrerseits provisorische Flüchtlingslager nahe der Krisengebiete in neue Städte verwandeln. Den letzten Ansatz befürwortete Völkerrechtler Daniel Thürer, der darauf aufmerksam machte, dass die Armee mehr Geld für Dienste an der Öffentlichkeit ausgeben könnte. «Warum nicht innerhalb der Armee eine mobile Einheit schaffen?»

Auch Soziologe Arne Engeli war der Meinung, dass die Schweiz mehr in Entwicklungshilfe investieren müsste, als diese zu kürzen: «Man müsste mehr tun, damit die Leute in den Nachbarländern der Krisengebiete bleiben», so Engeli, der später hinzufügte: «Bei uns ist das Boot aber noch nicht voll.»

Schülerin mit Anregung

Dass sich die Schweiz den Flüchtlingen nicht entziehen kann, und mitunter auch ein Stück weit beteiligt an dem Konflikt in Syrien ist, darüber waren sich alle Experten an diesem Abend einig. Die Diskussion liess auch das zahlreich erschienene Publikum nicht kalt. Jung und alt lauschten dem Gespräch in der Aula der Kantonsschule, einige stellten Fragen und brachten Anregungen ein. Ein Anwesender machte darauf aufmerksam, dass jeder etwas zur Besserung des Konfliktes beitragen könne. «Mit jedem Franken können wir die Welt verändern. Das müssen wir uns bewusst machen.»

Die letzte aber wohl treffendste Anmerkung richtete sich an den kritischsten Gast, Chefredaktor Andres Büchi, und kam von einer Schülerin: «Sie sagen, dass es durch die Flüchtlinge bei uns ein Problem mit den älteren Menschen geben könnte, die dann nicht zu ihrem verdienten Ruhestand kommen. Haben junge Flüchtlinge kein schönes Leben verdient?» Eine nicht eindeutige Antwort folgte. Eine, die der starken und berechtigten Frage nicht ganz gerecht werden konnte. So wurde beim anschliessenden Apéro und auf dem Heimweg in der Bahn weiterdiskutiert – über eine Problematik, deren Lösung noch längst nicht gefunden ist.