Bei Erbsenpüree die kreativen Geister geweckt: Die etwas andere Mittagspause in der Kunsthalle Ziegelhütte

Über Mittag ins Museum zu gehen, ist vor allem in Grossstädten beliebt. Das Format beginnt sich nun aber auch auf dem Land zu etablieren: In der Kunsthalle Ziegelhütte in Appenzell findet bereits zum zweiten Mal die Veranstaltungsreihe «Kunst und Kulinarik über Mittag» statt. Ein Augenschein.  

Claudio Weder
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«Kunst und Kulinarik über Mittag» ist ein Kunsttalk, an dem jeder mitmachen darf. Bild: Claudio Weder

«Kunst und Kulinarik über Mittag» ist ein Kunsttalk, an dem jeder mitmachen darf. Bild: Claudio Weder

Ein befremdliches Gefühl befängt einen, wenn man den Ausstellungsraum im Obergeschoss der Kunsthalle Ziegelhütte betritt. Man scheint nicht willkommen zu sein, von allen Seiten wird man angestarrt. «Humans», nennt die St. Galler Künstlerin Nesa Gschwend die 36 kopfähnlichen Gebilde, welche die drei Wände des Raumes wie eine Ahnengalerie einnehmen. Menschlich wirken die Köpfe auf den ersten Blick aber nicht. Augen, Münder und Nasen haben sie keine, auch die Gesichtshaut fehlt.

Es ist Donnerstagmittag. Soeben hat sich Ursula Schmid, Betriebsleiterin der Kunsthalle Ziegelhütte, mit einer achtköpfigen Gruppe im Raum eingefunden. «Kunst und Kulinarik über Mittag» ist angesagt. Man sitzt auf Klappstühlen und tut es den Köpfen an der Wand gleich: Man beobachtet.

Die 36 «humans» der Künstlerin Nesa Gschwend nehmen einen im Obergeschoss der Kunsthalle Ziegelhütte in Empfang.

Die 36 «humans» der Künstlerin Nesa Gschwend nehmen einen im Obergeschoss der Kunsthalle Ziegelhütte in Empfang.

Bild: Michel Canonica

Ein Teilnehmer der Kunstbetrachtungsrunde kann seine Gedanken beim Anblick der ausgestellten Werke noch nicht in Worte fassen. Eine ältere Dame schon. Sie spricht aus, was sich niemand auszusprechen traut: dass die Köpfe abstossend seien. Ein Eindruck, der sich bei genauerem Betrachten bestätigt. Grund für den anfänglichen Ekel sind aber weniger die Blutbahnen, die sichtbar werden, oder Hirnwindungen, die hervorquellen: Für ihre Kunstwerke, die aus der Weite wie gezeichnet wirken, verwendete Nesa Gschwend menschliche Haare und alte Fäden.

Der Ekel verfliegt aber schnell. Immer lebendiger werden die «humans», je länger man sie betrachtet. Sie beginnen zu lachen, zu weinen, erhalten Nasen, Bärte und Frisuren. Man erkennt in ihnen die Kindergärtnerin von früher, den Nachbarn oder die Schwiegermutter – oder sich selbst. Bei manchen Anwesenden kommen gar romantische Gefühle auf: Eine Teilnehmerin aus Appenzell sagt, sie habe sich soeben verliebt, und deutet auf den Auserwählten, dessen «männliches Profil», wie sie findet, edel anmutet.

Nicht bloss für Hipster und Intellektuelle

Nach 20 Minuten scheinen die Teilnehmenden in eine andere Welt abgetaucht zu sein. Genau das ist auch das Ziel der Veranstaltungsreihe «Kunst und Kulinarik über Mittag», die am 13. Februar zum ersten Mal in diesem Jahr stattgefunden hat. «Wir wollen einen Treffpunkt bieten, bei welchem man über die Beschäftigung mit Kunst auf andere Gedanken kommen kann», sagt Ursula Schmid. Die Veranstaltungen sind aber nicht bloss für Hipster und Intellektuelle gedacht: «Mitmachen darf jeder, Vorkenntnisse braucht es keine.»

Im Zentrum steht jeweils ein Werk aus den aktuellen Ausstellungen der Kunsthalle Ziegelhütte oder des Kunstmuseums Appenzell. Der Kunsttalk beginnt mit einer 20-minütigen Werkbetrachtung und endet mit einem gemeinsamen Mittagessen am langen Tisch in der Cafeteria. Es ist ein Format, das vor allem in Grossstädten beliebt ist.

«In der ländlichen Provinz, wo man den Mittag normalerweise zu Hause oder in einer Beiz verbringt, ist es eher ungewöhnlich, über Mittag ins Museum zu gehen.»

Dennoch sei sie erstaunt, wie gut der Versuch, einen Hauch Grossstadt nach Appenzell zu bringen, bislang funktioniert habe. Zwischen sieben und 20 Personen würden jeweils daran teilnehmen.

Ziel sei es, dass während des Mittagessens weiter über Kunst diskutiert wird. Das funktioniere aber nur in den seltenen Fällen, sagt Schmid und lacht. So auch an diesem Donnerstagmittag. Gemüsestrudel, Erbsenpüree und Rooibostee lassen Nesa Gschwend immer unwichtiger erscheinen. Stattdessen spricht man über Reiseerfahrungen, Perserteppiche und Alpabzüge. Das Ziel der Veranstaltung, die kreativen Geister zu wecken, ist aber dennoch erreicht. Kunstkritisch betrachten zwei Teilnehmerinnen die moderne Tischlampe und vergleichen deren Unterseite mit dem Innenraum einer Kirche oder St. Galler ­Erkern.

Hinweis: «Kunst und Kulinarik über Mittag» in der Kunsthalle Ziegelhütte Appenzell, nächste Termine: 27. Februar, 12. März, 26. März. Jeweils von 12.15 bis 13.30 Uhr. Anmeldung erforderlich.