Begriffe-Such-Marathon am Wattwiler Fest

Fichu, Pok Pok, Scopa? Da zieht der Durchschnitts-Wattwiler die Achseln hoch und sagt: «Sorry, was? Keine Ahnung.» Das Spiel mit unbekannten Begriffen reizte die Festorganisatoren. Schliesslich ist das Wattwiler Fest seit seinen Anfängen ein Multikultifest.

Hansruedi Kugler
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Fichu – das gestrickte Halstuch der Toggenburger Werktagstracht, getragen von Margrit Bösch von der Trachtengruppe Wattwil. (Bilder: Hansruedi Kugler)

Fichu – das gestrickte Halstuch der Toggenburger Werktagstracht, getragen von Margrit Bösch von der Trachtengruppe Wattwil. (Bilder: Hansruedi Kugler)

Fichu, Pok Pok, Scopa? Da zieht der Durchschnitts-Wattwiler die Achseln hoch und sagt: «Sorry, was? Keine Ahnung.» Das Spiel mit unbekannten Begriffen reizte die Festorganisatoren. Schliesslich ist das Wattwiler Fest seit seinen Anfängen ein Multikultifest. Am Samstag und am Sonntag bot nun die diesjährige Ausgabe eine besondere Entdeckungsreise für Neugierige: 200 Begriffe, verteilt auf zwanzig Vereinszelte warteten auf neugierige Festbesucher – als Wettbewerbsfragen. Zwanzig Vereine hatten je zehn Begriffe eingereicht. Auf jedem gekauften Los standen sechs Begriffe, für deren Erklärung man in die entsprechenden Zelte ging, wo man die Begriffserläuterungen entweder von einer Tafel abschreiben oder im Gespräch mit Vereinsmitgliedern erfragen konnte.

Trachtenaufklärung

Da steht also zum Beispiel auf der Liste «Orser». Im entsprechenden Zelt der Trachtengruppe erfährt man, dass dies die Innentasche des roten Brusttuchs sei, wo man beim Tanz das Halbtaxabo oder das Sackgeld verstauen kann. Nur tragen die männlichen Trachtenleute am Fest kein Brusttuch, «das gäbe heute viel zu warm», sondern das weisse Hemd mit Chüeli-Hosenträgern. Aber da steht auf der Liste auch «Fichu». Margrit Bösch klärt auf: Es ist das filigrane, weisse, gestrickte Halstuch, das zur Toggenburger Werktagstracht der Frauen gehört. Bei der Sonntagstracht hingegen trägt Frau dann eine Haube. Im Nachbarzelt wird man doch noch fündig. Lauter Männer mit roten Brusttüchern laufen dort herum: Der Jodlerclub Wattwil wirtet. Auf seiner Begriffsliste taucht «Ladehose» auf: Es ist die traditionelle braune Hose der Toggenburger Tracht. Diese wurde lange vor der Erfindung des Reissverschlusses getragen, weshalb die Sennen und Jodler zum Wasserlassen die Lade heute noch an zwei Knöpfen öffnen und herunterklappen.

Pok Pok? Reckleder?

Auf der Postbrücke sucht man nach dem lustig klingenden «Pok Pok»: Ist aber gar nicht so lustig, denn es bedeutet «Stockende» – hält der Kampfkunstsportler den 70 Zentimeter langen Stock richtig, so ragt ein fünf Zentimeter langes Stück hinter der Hand hervor: Damit kann ein Angreifer ebenfalls empfindlich getroffen werden. Selbstverteidigung laute die häufigste Motivation bei Anfängern, sagt denn auch Skema-Leiter Marcel Züger. Gemütlicher geht «Scopa», das italienische Kartenspiel. Es steht im Zelt des Comitato Italiano auf der Begriffsliste. Statt 36 Karten wie beim Jass gibt es 40 Karten. Und statt Schilten, Schellen, Rosen, Eicheln gibt es Pokal, Schwert, Knüppel und Geldmünze als Symbole, erklärt Vereinspräsident Pietro Pitrelli. Heimatliebe ist schon von weitem sichtbar beim Verein Iliria: «Shqiponjë», der schwarze Doppeladler auf rotem Grund, sei das Heimatsymbol aller Albaner, also auch der Albaner im Kosovo oder in Mazedonien, sagt Vereinspräsident Zenku Dilaver. Der Adler sei ein Schutzsymbol, der auf alle Seiten ein scharfes Auge habe und stets abwehrbereit sei.

Kulinarische Leckereien

Auf gute Laune abonniert ist der Skiclub Wattwil. Präsident Heinz Lusti und Aktuarin Sonja Trost posieren lachend unter dem Clubhüttenmaskottchen, dem Gamsbockkopf, der üblicherweise in der Clubhütte «Hotteien» an der Wand hängt. Ebenfalls ganz auf Geselligkeit setzt der Griechische Verein, der vor allem aus Secondos und sonstigen Griechenland-Fans besteht, sagt deren Präsident Elias Efstathiou. «??????» ist nicht besonders schwer zu übersetzen: Es ist der Weinbrand Metaxa, den man nach dem Essen wie einen Cognac trinkt und der neben dem Ouzo das bekannteste griechische Getränk ist. «Curry» lautet die Übersetzung des tamilisch geschriebenen Begriffs. Das Zelt des Tamilischen Vereins war zeitweise so voll, dass am Samstag zusätzliche Bänke im Freien aufgestellt werden mussten.

Am Ende philosophisch

Im nächsten Zelt fragt ein anderer Sportverein nach der Bedeutung von «Reckleder». Der TSV hat mit seiner Abteilung «Salto» eine hochklassige Turnerriege. Um die Hände am Reck zu schonen, ziehen die Turner eine Art Lederhandschuhe an. Ein Pulswärmer verhindert, dass das Reckleder am Handgelenk einschneidet. Und ein Metallstift unter den Fingerkuppen gibt zusätzliche Stabilität an der Reckstange. Fast schon philosophisch mutet im Zelt 18 der Satz an: «Mehr Soll als Haben». Zwar steht hinter dem Satz die Grundhaltung des Gemeinnützigen Frauenvereins, sagt deren Präsidentin Catherine Sachser. Aber der Satz bringe buchhalterisch gesprochen auf den Punkt: «Was wir zum Beispiel im Brockenhaus einnehmen, geben wir auch wieder aus – nämlich für gemeinnützige Zwecke.» Der Frauenverein unterstützt zum Beispiel die Ludothek oder führt Altersnachmittage durch.

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