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Begeisterung für Lamas weitergeben

WILDHAUS. An der Strasse nach Gams hat sich Bernadette Bislin im Sägeboden bei Wildhaus ihren Traum von einer kleinen Lamazucht verwirklicht. Bei unterschiedlich langen Trekkingtouren können auch Wanderer die Wiederkäuer aus der Familie der Kamele von nahem kennen lernen.
Urs Huwyler

Eines vorweg: Keines der 18 Lamas von Bernadette Bislin sah sich durch den Besuch auf der Weide derart gestört, seinen Unmut spuckend ausdrücken zu müssen. Platzhirsch Amadäus drohte zwar als pflichtbewusster Beschützer der Artgenossen und zur Verteidigung des Reviers kurz mit seiner Zahnlücke, aber er nahm den Eindringling nach eingehendem Studium nicht als Rivalen wahr. An der Seite der Chefin brauchte Mann sich sowieso keine Sorgen zu machen. Sie weiss, wie Amadäus, Schneeflocke, Kurt, Luck oder Lilli mit ihren blauen Augen individuell gehegt und gepflegt werden wollen.

Das Zupfen an der Jacke war kein Angriff, sondern das zweiwöchige Junge suchte jemanden zum Spielen. Mit dem siebenjährigen Hund Jonas bot sich ein Ersatz an. Die mit ihm aufgewachsene gleichaltrige Gans stand nicht zur Wahl. Sie bewachte das Haus, meldete schnatternd Vögel, die in der Luft vorbeiflogen. Dem Gras fressenden Ziegenbock ging dies alles an den Hörnern vorbei – so wie den Lamas der Verkehr auf der angrenzenden Strasse. Ob Motorräder, Lastwagen mit Anhänger oder Autos, die Vierbeiner stellten wegen des Lärms nicht einmal die Ohren, liessen sich nicht aus der Ruhe bringen.

«Bin hier zu Hause»

Bernadette Bislin sah Lamas vor Jahren nicht in den südamerikanischen Anden, sondern der Trekking-Einsatz der trittsicheren Berggänger hatte sie in einem Film fasziniert. Als Bergbäuerin transportierte sie den Käse nicht motorisiert, sondern zu Fuss nach unten.

In Wildhaus fand sie vor rund zwei Jahren eine Liegenschaft mit dem nötigen Land dazu, um ihren Traum von der kleinen Lamazucht zu realisieren. «Ich fühle mich wohl, bin hier zu Hause. Auch deshalb, weil ich sofort akzeptiert wurde», freut sich die Mutter von vier berufstätigen Kindern.

Bernadette Bislin musste beim friedlichen Treiben auf der Weide nie eingreifen. Die aufeinander abgestimmten Tiere organisierten sich selbst. «Wenn sie ohne Halfter auf die Weide dürfen, wissen sie, dass kein Trekking angesagt ist», erklärt die gelernte Gärtnerin. Zusätzlich liess sich die im Kanton Thurgau aufgewachsene 49jährige Naturliebhaberin mit Studentinnen, die ihre Töchter und Söhne hätten sein können, zur Wildtierpflegerin ausbilden. Statt wie üblich morgens um halb fünf Uhr begann der Tag einiges früher, beziehungsweise dauerte die Nacht vielleicht drei nur Stunden. Bei verschiedenen Praktikums in Schweizer Zoos gehörten die Giraffen zu den Lieblingen der Lama-Bäuerin.

Kunden aller Art

Vor der hauptberuflichen Arbeit (80-Prozent-Pensum) – im Winter Skilehrerin der Schneesportschule und Wildhauser Aushilfsmesmerin (20-Prozent-Pensum) müssen die Tiere versorgt werden. Dazu kommt das Trekking. «Es ist eine Frage der Organisation. Im Normalfall ist es deshalb kaum möglich, sich am Morgen für eine Tour am Nachmittag anzumelden. Ich muss auch die im Preis inbegriffene Verpflegung bereitmachen. Und die Gäste wünschen frisches Brot. Mir reicht mit Milch zusammen älteres», erklärt Bernadette Bislin mit einem herzhaften Lachen.

Zu den Kunden zählen Familien, Einzelpersonen, Vereine, Schulreisen oder Gruppen mit behinderten Menschen. «Ich kenne den Charakter der Tiere, kann sie entsprechend einsetzen. Auch schwierige Jugendliche können auf die unterschiedlich langen Touren mitkommen.» Von einem Kurz-Trekking (drei Stunden), über eine mittlere Runde (vier bis fünf Stunden) bis zu einer grossen Tour (sieben bis acht Stunden) ist alles möglich. «Mit den Einnahmen kann ich den Unterhalt der Tiere bestreiten und ich möchte meine Begeisterung und Freude für die Tiere weitergeben.»

Der vierjährige Riese Luck baute sich auf einem Hügel wie ein friedlicher Feldherr auf. «Er kann wie die anderen Lamas bis 30 Kilo tragen», sagt die auf einem Bauernhof aufgewachsene Allrounderin. «Bäuerin ist der schönste Beruf, den es gibt», strahlt sie beim Blick in die leicht nebelverhangene Toggenburger Bergwelt. Dabei macht sie sich Gedanken, über welche Gipfel sie rasch kraxeln soll, bis sie sich wieder den Lamas widmen darf.

Sie spucken wirklich

Aber spucken sie denn nun wirklich, die Lamas? «Ja. Vor allem innerhalb der Herde, um die Rangordnung auszudrücken», erklärt Bernadette Bislin. Menschen würden jedoch kaum gezielt ins Visier genommen, wenn sie sich artgerecht verhielten. Ein Mann, der auf einer Tour das Lama schlug und Monate später mit seinen Kindern nochmals trekken wollte, musste erkennen, dass er einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte. «Sein» Lama übersprang den Zaun, als er aus dem Auto stieg und gab ihm eine Ladung Spuke mit auf den Heimweg.

Bernadette Bislin geriet eines Abends nach der Arbeit ins Kreuzfeuer. Ein Lamajunges war nach der Geburt gestorben. Die vierbeinige Mutter machte im Kreise der Artgenossen die zweibeinige Mutter verantwortlich. «Solche emotional belastenden Momente gibt es auch», gesteht sie. Der Blick auf die friedlich grasende Herde zeigt aber, dass die Harmonie nicht lange darunter gelitten hat.

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