Bedeutende Schenkung

Vor wenigen Tagen wurde die Stiftung für appenzellische Volkskunde von Judith Hohl, Herisau, mit einem herausragenden Bild der klassischen Appenzeller Bauernmalerei beschenkt. Es handelt sich um die Darstellung der kleinen Schwägalp von Johannes Müller.

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Mit Bildern wie der Schenkung «Ansicht vom kleinen Schwägälple mit der Sennerei» erschloss Johannes Müller der Senntumsmalerei eine völlig neue Landschaftsansicht. Sennen und Tiere sind in ein breit angelegtes Naturschauspiel eingebettet. (Bild: pd)

Mit Bildern wie der Schenkung «Ansicht vom kleinen Schwägälple mit der Sennerei» erschloss Johannes Müller der Senntumsmalerei eine völlig neue Landschaftsansicht. Sennen und Tiere sind in ein breit angelegtes Naturschauspiel eingebettet. (Bild: pd)

STEIN. Johannes Müller (1806– 1897) war ein sehr beliebter Bauernmaler. Viele Sennen und Bauern liessen von ihm ihren Besitz porträtieren: Das Vieh beim Alpaufzug und Bauernhöfe mit weidenden Kühen. Die Landschaft ist in all diesen Bildern markant präsent. Müller bemühte sich um eine naturalistische Darstellung. Auch hier beim «Schwägälple» kann davon ausgegangen werden, dass Müller die Landschaft so gesehen und empfunden hat, wie er sie auf den Malkarton brachte: Mächtig wogen die Hügel und drängen Mensch und Tier an den Rand. Das Bild wird im Titel «Ansicht» genannt. Dieser Anspruch wird durch das Bild eingelöst.

Johannes Müller traf den Geschmack der Zeit und seiner Kundschaft, der Bauern und Sennen, auch im Hinblick auf die Darstellung der Kuh. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten sich, gefördert durch Bemühungen zur Rassenzucht und durch Viehschauen, eigentliche Schönheitsmerkmale herausgebildet. Eine schöne Kuh sollte einen geraden Rücken, ein wohlgeformtes Euter und ein einheitlich braunes Fell haben. Müllers Kuhdarstellungen entsprachen vollständig diesen Idealen.

Einfaches Leben geführt

Johannes Müllers Leben ist typisch für einen Bauernmaler des 19. Jahrhunderts. Obschon er selber den stolzen Besitz der Bauern darstellte, war er selber eher arm. Ein eigenes Haus, ein eigener Hof mit Vieh war für ihn eher Traum als Wirklichkeit. Johannes Müller wurde am 4. Oktober 1806 als erstes von sieben Kindern des Johannes Müller und der Anna Kathrina Zuberbühler geboren. Drei seiner Geschwister starben als Kleinkinder; dies entsprach einer damals noch üblichen Kindersterblichkeitsrate. Johannes Müller entstammte einem alteingesessenen Hundwiler Geschlecht. Sein Grossvater war Gemeindehauptmann und Landesbauherr hinter der Sitter, und ein Onkel bekleidete als Landesfähnrich ebenfalls eines der höchsten Ausserrhoder Ämter. Der Vater von Johannes Müller hingegen scheint nie ein Gemeinde- oder Landesamt inne gehabt zu haben, doch er besass immerhin Haus und Boden, nämlich die Örtlismühle. Dort wurde Johannes geboren. Wenige Jahre nach seiner Geburt zog die Familie aber von Hundwil weg nach Stein, wo sie noch eine eigene Hämet bewirtschaftete. 1814 starb die Mutter, zurück blieben drei Kleinkinder und der erst achtjährige Johannes.

Über Johannes' Jugend und Ausbildung ist wenig bekannt. Denkbar ist, dass Johannes bei einem einheimischen Maler lernte. Johannes war zweimal verheiratet, zuerst mit Anna Katharina Näf. Die Vermählung fand 1829 an ihrem Wohnort Urnäsch statt. Wegen sichtbarer Schwangerschaft der Braut musste das Paar an einem Mittwoch statt an einem Sonntag heiraten und der Bräutigam noch eine Geldbusse zahlen. Das Paar verdiente den Familienunterhalt gemeinsam, er mit Malen, sie mit Weben. Reich wurden sie laut Steuerregister nicht.

Grossartiges Werk

Als Sechzigjähriger zog Johannes Müller mit seiner zweiten Frau nach Stein, wo schon sein Vater den Lebensabend verbracht hatte. Ein eigenes Haus konnte er sich nicht leisten. Die letzten Jahre verbrachte er in der Halten. 1884 zog das Ehepaar Müller in das Nebenhaus der grossen Liegenschaft um. Johannes Müller, der auch als Pensionär malte und nebenbei Uhren reparierte, porträtierte die stattliche Liegenschaft Halten mit dem Nebenhaus, in welchem er wohnte. Das ist typisch für die Bauernmaler des 19. Jahrhunderts: Sie blieben in der Regel zeitlebens in Kontakt mit der landwirtschaftlichen Bevölkerung. Bauern und Alpbesitzer waren ihre Auftraggeber, sie selber konnten von einer eigenen Hämet aber nur träumen. Die letzte Nachricht über Johannes Müller entnehmen wir dem Todesregister. Johannes Müller hinterliess ein in Qualität und Quantität grossartiges Werk. Er war in den 1860er-Jahren einer der Pioniere der Senntumsmalerei, und unter seiner massgeblichen Mitwirkung hatte diese sich zum Ende des 19. Jahrhunderts zur höchsten Blüte entfaltet. Die Schenkung bereichert die Sammlung der Stiftung für appenzellische Volkskunde, deren Werke vor allem im Volkskunde-Museum Stein und im Brauchtumsmuseum Urnäsch zu sehen sind.

Stefan Sonderegger, Präsident der Stiftung für appenzellische Volkskunde Literaturhinweis: Johannes Müller, 1806–1897. Ausstellungskatalog Volkskunde-Museum Stein 1999, von Rudolf Hanhart, Stefan Sonderegger, Peter Witschi

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