«Bauten passen hervorragend ins Bild», «Zerstörerische Wirkung auf den Dorfkern»: Wie die geplante Zentrumsüberbauung
die Gruber Bevölkerung spaltet

An der öffentlichen Versammlung in Grub legen Befürworter und Gegner der geplanten Zentrumsüberbauung ihre Argumente dar.

Jesko Calderara
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Blick von der alten Dorfstrasse aus: So könnte die geplante Zentrumsüberbauung in Grub dereinst aussehen.

Blick von der alten Dorfstrasse aus: So könnte die geplante Zentrumsüberbauung in Grub dereinst aussehen.

Visualisierung: PD

«49 Meter sind zu lang», «17 Meter sind zu hoch»: An vielen Häusern oder Gartenzäunen in Grub sind zurzeit Plakate angebracht. Sie werben für ein Nein zum Überbauungsplan «Zentrum». Dieser schreibt fest, mit welchen Rahmenbedingungen die geplante Überbauung mit zehn Wohnungen und Gewerberäumlichkeiten realisiert werden kann. Nachdem das Referendum mit 188 Unterschriften zu Stande gekommen ist, entscheiden die Stimmberechtigten am 27. September über den Überbauungsplan.

Wortführer des Referendumskomitees ist Johannes Rieder. An der öffentlichen Versammlung am Mittwochabend in der Turnhalle sprach sich der ehemalige Kantonsrat insbesondere gegen die Anwendung von Sonderbauvorschriften aus. Durch das Referendum werde nun das Stimmvolk und nicht mehr der Gemeinderat darüber entscheiden, sagte Rieder. Abgesehen davon vermisse er auf dem Abstimmungszettel und in den offiziellen Unterlagen der Gemeinde den Begriff «Sonderbauvorschriften». Der Blick ins kantonale Baugesetz zeigt allerdings, dass ein Überbauungsplan ein Überbegriff ist. Dieses Planungsinstrument, das früher Quartier- oder Gestaltungsplan hiess, umfasst einen Plan, allfällige Beilagepläne, einen Planungsbericht und die erwähnten Sonderbauvorschriften.

Johannes Rieder ist Wortführer des Komitees.

Johannes Rieder ist Wortführer des Komitees.

Bild: Cal

Komitee spricht sich gegen Sonderbaurecht aus

Die Gegner sind nicht grundsätzlich gegen die Entstehung von Wohnraum im Zentrum. «Das baufällige Haus Bischoff ist ein Schandfleck und muss weg», betonte Rieder. Gemäss dem Baureglement der Gemeinde Grub kann in der kommunalen Ortsbildschutzzone ein Gebäude allerdings nur dann abgerissen werden, wenn ein Neubau mit Erschliessung sichergestellt ist. Bei der Liegenschaft Bischoff gibt es bei diesem Punkt bis heute ein Problem, sie kann die Erschliessung nicht eigenständig lösen. Mit dem Überbauungsplan Zentrum könnte dieses jahrzehntealte Dilemma gelöst werden, wie Bruno Bottlang erklärt. Der Inhaber des Architekturbüros Atelier Bottlang AG hat die Pläne für das Projekt Zentrumsüberbauung erarbeitet.

Trotz dieser Problematik hält das Nein-Komitee die Anwendung von Sonderbauregeln in der Kernzone von Grub für unnötig. Aufgrund der fehlenden Ausnützungsziffer und der Grenzabstände von drei Metern sei in dieser Zone eine verdichtete Bauweise möglich, sagte Rieder. Die beiden projektierten Gebäude hält er für überdimensioniert. Seinen Angaben nach hätten diese eine Firsthöhe von 17 Metern und würden vier Geschosse umfassen, eines mehr als in der Regelbauweise vorgesehen. Zum Vergleich: Die Kirche in Grub ist 15 Meter hoch. Für den Wortführer des Komitees ist der Fall klar:

«Die Überbauung hätte eine zerstörerische Wirkung auf den wirklichen Dorfkern.»

Dieser sei die alte Dorfstrasse und nicht die Hauptstrasse. Gemeinderat mit Interessenkonflikt Johannes Rieder kritisierte darüber hinaus die Erarbeitung des Projekts. Die Gemeinde verzichtete auf einen Studienwettbewerb, stattdessen wurde ein Direktauftrag an ein Architekturbüro vergeben. Rieder bezeichnete dies als «Kardinalsfehler». Weil keine architektonische Zweit- oder Drittideen vorhanden seien, solle nun durch den vorliegenden Lösungsansatz Sonderbaurecht durchgesetzt werden. In diesem Zusammenhang bemängelte Rieder die Mehrfachrolle des Gemeinderates. Dieser sei Auftraggeber für die Planung, Grundstückeigentümer, Teilhaber der Projektgesellschaft, potenzieller Mieter, erstinstanzliche Einsprachebehörde und Entscheidungsinstanz für Sonderbauregelungen. Er bezweifle, inwieweit der Gemeinderat objektive Ideen, Einsprachen und Anregungen der Anwohnerschaft noch behandeln könne, sagte Rieder.

Park und Dorfplatz für die Bevölkerung geplant

Im Namen der Gruber Behörden versuchte Gemeinderat Andreas Pargätzi die rund 80 Anwesenden von einem Ja zum Überbauungsplan zu überzeugen. Dieser beinhalte die Rahmenbedingungen und Vorgaben für einen attraktiven und lebendigen Dorfkern. Demgegenüber sind für Pargätzi die heutigen Zustände unhaltbar. Den jetzigen Dorfkern bezeichnete er als «veraltet», «verlottert» und «schäbig». Für ein stolzes Appenzeller Dorf sei dies keine Visitenkarte.

In seinen Ausführungen ging Pargätzi auch auf die Frage ein, warum der Gemeinderat einstimmig hinter dem Überbauungsplan steht. Es gehe nicht darum, das ganze Dorfzentrum zu überbauen. Das Gegenteil sei der Fall. Der Plan sehe konzentriert, entlang der Hauptstrasse, zwei prägnante Baukörper vor. Es entstehe Gewerberaum sowie wichtiger Wohnraum für jüngere und ältere Personen. Als Vorteil hob Pargätzi die im Überbauungsplan vorgesehene Grünfläche hervor. Dadurch würden der Brunnen und die Bäume bestehen bleiben. Vom geplanten kleinen Dorfplatz und dem Park könne die gesamte Bevölkerung profitieren, sagte das Gemeinderatsmitglied.