Gemeinnütziger Wohnbau
«Wir wollen eine Art von Wohn- und Lebensform schaffen, die es im Appenzellerland noch nicht gibt»: Mehrgenerationenprojekt in Heiden geplant

Eine Genossenschaft möchte im Biedermeierdorf in mehreren Etappen bis zu 40 Wohnungen bauen. Es wäre das erste generationenübergreifende Wohnmodell dieser Art in der Region.

Jesko Calderara
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In einer ersten Etappe wird die Genossenschaft «Anders Wohnen» zwei Mehrfamilienhäuser mit zehn Wohnungen bauen.

In einer ersten Etappe wird die Genossenschaft «Anders Wohnen» zwei Mehrfamilienhäuser mit zehn Wohnungen bauen.

Visualisierung: PD

Wohnraum für ältere Menschen, Familien mit Kindern und Alleinstehende. Und gleichzeitig eine Gemeinschaft aus Personen aller Altersgruppen, die sich gegenseitig unterstützen. Diese Vision soll in Heiden schon bald Realität werden. Eine Genossenschaft plant zwischen der Brunnenstrasse und der Schützengasse das gemeinnützige Wohnbauprojekt «im fontän – anders wohnen». Dieser Name ist kein Zufall. «Wir wollen eine Art von Wohn- und Lebensform schaffen, die es im Appenzellerland noch nicht gibt», sagt Annegret Wigger. Die Heidler Kantonsrätin ist Mitglied der Bau- und Finanzkommission von «Anders Wohnen».

Gemäss dem Konzept wird die Gemeinschaftlichkeit im Vergleich zu einer gewöhnlichen Überbauung einen höheren Stellenwert erhalten. Dies beginnt bereits mit der Zusammensetzung der Bewohnerschaft, die bewusst ausgesucht wird. Wie das gelebte Miteinander im Alltag dereinst genau aussieht, wird nicht bis ins Detail vorgegeben. Dies sei abhängig von den Personen, die mitmachen, sagt Wigger.

«Es braucht eine gewisse Verbindlichkeit, wie man gemeinsam leben will.»

Bei diesem generationenübergreifenden Wohnmodell kann dies beispielsweise dazu führen, dass ältere Bewohnerinnen und Bewohner die Kinder der Familien hüten, diese sich dafür anderweitig engagieren.

Ehemaliges Restaurant Schützengarten soll neu genutzt werden

Initianten des Projekts sind Peter und Francesca Kühnis-Dietz, die seit 20 Jahren in einem grosszügigen Einfamilienhaus leben. Seit 2015 träumt das Ehepaar von einer neuen Wohnsituation. Peter Kühnis erwähnte in diesem Zusammenhang Werte wie Gemeinschaftlichkeit, Reduktion, Ökologie und Kommunikation, die ihm und seiner Frau wichtig seien. Zusammen mit dem Projektleiter und Architekten Bruno Dürr, der viel Erfahrung mit Generationenprojekten hat, haben sie in den vergangenen vier Jahren einiges an Vorarbeit geleistet und im Jahr 2020 mit einer Kerngruppe eine Genossenschaft gegründet.

Die Gesamtüberbauung entsteht auf dem Areal der Familie Kühnis-Dietz und Nachbargrundstücken. Ihr Haus wird integriert, dort soll eine WG einziehen. Das schon lange leerstehende Restaurant Schützengarten mit Wohnhaus gehört ebenfalls zur Siedlung «im fontän». Eine Arbeitsgruppe der Genossenschaft beschäftigt sich ab August mit Fragen, wie diese Liegenschaft neu zu nutzen wäre.

Eigentums- statt Mietwohnungen

Die Überbauung wird in mehreren Etappen realisiert. Als Erstes ist der Bau von zwei Mehrfamilienhäusern mit zehn Eigentumswohnungen geplant. Die Bauvisiere dafür stehen bereit. Verantwortlich für die Planung sind die Architekten Krayer/Surber. Realisiert werden zwei Holzhäuser, die typisch architektonische Bauelemente der Region in neuer Form aufnehmen. Der Grundgedanke des gemeinschaftlichen Wohnens widerspiegelt sich auch in der Architektur. So gibt es bewusst eine Vielzahl von Wohnungsgrundrissen, um Singles, ältere Personen und Familien gleichermassen anzusprechen. Der Architekt Valentin Surber erwähnt zudem die Gemeinschaftsräume, die im Gegensatz zu den privaten Zimmern eher grosszügig gestaltet sind. Zudem sind die Zugänge zu den Wohnungen so organisiert, dass man sich im Alltag begegnet. Grossen Wert wird laut Surber zudem auf eine ökologische Bauweise gelegt. So wird die Siedlung in Zusammenarbeit mit der Solargenossenschaft St.Gallen ihren eigenen Strom produzieren.

Ursprünglich waren nur Mietwohnungen geplant. Weil die steile Topografie der Parzellen zu baulichen Mehrkosten führt, setzt die Genossenschaft nun auf Eigentum. Für Valentin Surber ist dies kein Widerspruch zum genossenschaftlichen Gedanken, denn:

«Wir ermöglichen Leuten, im aktuellen Tiefzinsumfeld Eigentum zu erwerben.»

Wer sich dafür interessiert, muss ein finanzielles Polster mitbringen. Denn nebst dem notwendigen Eigenkapital zum Wohnungskauf müssen Genossenschafter je nach Objektwert einen prozentualen Anteil am Genossenschaftskapital erwerben.

Abgesehen vom finanziellen Engagement, ist primär das Interesse am gemeinschaftlichen Wohnen entscheidend. Annegret Wigger sagt:

«Wir erwarten von den Bewerberinnen und Bewerbern, dass sie einen Beitrag zum Gelingen des Projekts leisten möchten.»

Baustart könnte im Winter 2021 erfolgen

Das Interesse an der Genossenschaft «Anders Wohnen» scheint vorhanden zu sein, wie aktuelle Zahlen zeigen. Von den ersten zehn Wohnungen sind bereits acht reserviert, zwei Einheiten sind noch zu haben. Die Initiantinnen sind überzeugt, dass die Nachfrage nach solchen Lebensformen auch im ländlichen Raum zunehmen wird.

In Abhängigkeit von der Baubewilligung kann die erste Bauetappe frühestens im Winter 2021 erfolgen. Dann wären die Wohnungen im Frühling 2023 bezugsbereit. Die Finanzierung des Teilprojekts ist gemäss Wigger gesichert. Das Areal bietet jedoch noch Reserven. So könnten zu einem späteren Zeitpunkt nochmals bis zu vier Häuser mit 16 Einheiten realisiert werden. Dafür sucht die Genossenschaft weitere Mitglieder, Bewohnerinnen, Investoren und Darlehensgeber.