Barbara Riederer-Stämpfli 1918 – 2012

Als Tochter einer angesehenen Berner Familie besuchte Barbara Stämpfli in der Bundesstadt das Gymnasium. Unter ihren Mitschülern befand sich der spätere deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Marc Hodler, der es bis zum Präsidenten des Olympischen Komitees brachte.

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Barbara Riederer-Stämpfli (Bild: pd)

Barbara Riederer-Stämpfli (Bild: pd)

Als Tochter einer angesehenen Berner Familie besuchte Barbara Stämpfli in der Bundesstadt das Gymnasium. Unter ihren Mitschülern befand sich der spätere deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Marc Hodler, der es bis zum Präsidenten des Olympischen Komitees brachte. Alle fünf Jahre trafen sich die Kommilitonen zu Klassenfesten in Bern. Barbara erinnerte sich gern an diese Treffen. Nach der Matura nahm sie in München das Studium der Medizin auf: Eine Seltenheit für eine Frau in den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts. Hier musste sie zusehen, wie Hitler seinem gefährlichen Ziel zustrebte. Diese politische Entwicklung passte der jungen, kritischen Studentin gar nicht. Sie brach das Studium ab, setzte es an der Universität Genf fort und schloss mit dem Doktorat ab. Als Assistentin in Davos traf die junge Ärztin den Architekten Hans Riederer, in den sie sich Knall auf Fall verliebte. Sie heirateten und Barbara eröffnete in Ebnat-Kappel, zuerst an der Hauptstrasse und später in ihrem Wohnhaus im Bergli, als erste Frau eine Praxis für Allgemeinmedizin. In der Familie gab es Licht und Schatten. Nach der Scheidung erzog sie die beiden Söhne Andreas und Stefan allein. Unter der Devise «Helfen und Heilen» führte sie die Praxis 55 Jahre lang. Eigentlich hätte Barbara noch gerne weiter gewirkt. Doch 2001 zwang sie der Kantonsarzt zur Schliessung der nicht mehr zeitgemässen Landpraxis, die manchmal an Gotthelfs Zeiten erinnerte. Doch der Berufsrekord von 55 ausgefüllten Dienstjahren war ihr in der Ebnat-Kappler Ärztegeschichte sicher. Zu Barbaras Patientenkreis gehörten auch Leute mit kleinerem Einkommen und Frauen mit ausländischen Wurzeln. Muslimas kamen aus religiösen Gründen zu ihr. Barbara wurde nicht reich: Zu oft «vergass» sie, Rechnung zu stellen oder liess sich von armen Bergbauern mit Speck, Eiern oder Gemüse bezahlen. Von obligatorischer Krankenkasse wusste man lange noch nichts. Zusammen mit der Hebamme hat sie viele Hausgeburten durchgeführt. Doch gab es damals noch keine Badezimmer in den Berggebieten. So hielt sie in ihrem Fundus immer ein halbes Dutzend altmodischer kleiner Blechbadewannen bereit, welche sie den Wöchnerinnen gratis zur Verfügung stellte. Barbara war immer und überall da, wenn man sie brauchte: Früh am Morgen oder mitten in der Nacht. Kein Weg war ihr zu weit und kein Wetter zu «ruch» : Mit dem Auto, auf den Skiern oder zu Fuss. Ihr Hund war überall ihr treuer Begleiter. Einmal, es war in den Fünfzigerjahren, so erzählte mir Sohn Stefan, habe ihr der Vierbeiner das Leben gerettet: «Meine Mutter war mit Skiern und dem Hund unterwegs im Schattenhalb Ebnat. Nach Einbruch der Dunkelheit bekamen wir Angst. Doch statt der Mutter kam der aufgeregte Hund nach Hause. Er führte uns sicher zu seiner Meisterin, die erschöpft und schon halb eingeschneit im Schnee lag.»

Ja, Barbara war energisch, oft auch eigenwillig. Doch konnte sie in der Freizeit auch gesellig und begeisterungsfähig sein. Die Musik war ihr zweiter Lebensinhalt: Da war das Singen im Frauenchor, das Musizieren mit ihrer Bratsche in verschiedenen Orchestern, aber auch in kleineren Gruppen. Da blühte sie auf. Viel Erholung fand sie auch beim Wandern, Skifahren und Bergsteigen. Höhepunkte waren die regelmässigen Reisen zur Familie ihres zweiten Sohnes Stefan nach Neuseeland. Dort fand sie auch ihre Enkelinnen, den Urenkel ...und die Weite der Welt. Andreas, ihr erster Sohn , starb vor einem Jahr.

Die letzten Jahre verbrachte unser liebes Dorforiginal im Wohnheim Speer in ihrer eigenen Welt voller Phantasien. Im Alters- und Pflegeheim Wier durfte Barbara Riederer im hohen Alter von 94 Jahren friedlich sterben. Sie hat wahrlich ein ausgefülltes Leben gelebt und ist glücklich an ihrem Reiseziel angekommen. Gemäss ihrem Wunsch wird ihre Asche auf der Westseite der Südinsel Neuseelands ins Meer gestreut.

Werner Hofer

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