Bäche an die Luft holen

Zehn Prozent der Bäche in Ausserrhoden sind eingedolt. Auf einer Strecke von 106 Kilometern fliessen diese Gewässer unterirdisch durch Röhren. Der Kanton ist bestrebt, solche Fliessgewässer zu revitalisieren. Die Appenzeller Zeitung besichtigt drei Beispiele in Herisau.

Mea Mc Ghee
Drucken
Teilen
Brüelbach: Mitten im Quartier verschwindet das Gewässer in einer Röhre und taucht erst nach Kilometern wieder auf. (Bilder: mc)

Brüelbach: Mitten im Quartier verschwindet das Gewässer in einer Röhre und taucht erst nach Kilometern wieder auf. (Bilder: mc)

HERISAU. Der Bleichebach in Herisau fliesst durch den Wald – dann verschwindet er in einer Röhre. Solch eingedolte dunkle und luftarme Strecken sind für Tiere und Pflanzen unüberwindbar. «Fliessgewässer wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eingedolt», weiss Martin Eugster, Leiter Wasserbau beim Ausserrhoder Tiefbauamt. Die Gründe waren vielfältig: Manche Bäche stanken, weil Abfall abgelagert wurde, die Anbauschlacht während des 2. Weltkriegs forderte mehr kultivierbaren und einfacher zu bewirtschaftenden Boden.

Bund fördert Revitalisierungen

Damals habe der Bund Eindolungen subventioniert, heute ist es umgekehrt: Seit Inkrafttreten des Gewässerschutzgesetzes 1991 werden vermehrt eingedolte Bäche revitalisiert. Das heisst, sie werden durch bauliche Massnahmen an die Oberfläche geholt. Seit Juni 2011 und der Revision des Gewässerschutzgesetzes verlangt der Bund von den Kantonen die Revitalisierung von Fliessgewässern. Er stellt dafür finanzielle Mittel zur Verfügung. Die Kantone sind aufgefordert, bis Ende Jahr eine Planung zu präsentieren, wie sie in den nächsten 80 Jahren mindestens 20 Prozent der «naturfernen, künstlichen, eingedolten und stark beeinträchtigten Gewässer» revitalisieren wollen.

Naturnahe Bäche

Basis für diese Planung ist in Ausserrhoden eine grossangelegte Untersuchung der Fliessgewässer. In den Jahren 2003 bis 2005 wurden über 1000 Kilometer Bäche und Flüsse auf ihre Beschaffenheit untersucht. Erhoben wurden Uferverbauungen, übrige Bauwerke, Abstürze, Ökomorphologie und Aspekte des Natur- und Gewässerschutzes. Insgesamt fliessen rund 1200 Kilometer Bäche und Flüsse durch Kantonsgebiet. 63 Prozent davon werden als natürlich und naturnah eingestuft. Bei 20 Prozent wurden geringe Beeinträchtigungen wie kleine Verbauungen oder einseitig ungenügende Uferbereiche festgestellt. 7 Prozent sind stark beeinträchtigt oder naturfremd. 10 Prozent sind eingedolt. Das im Vergleich mit anderen Kantonen «gute» Ergebnis sei auf den verhältnismässig grossen Anteil an Waldbächen in unzugänglichen Tobeln zurückzuführen, heisst es in der Broschüre «Lebende Fliessgewässer» aus dem Jahr 2006.

Zu enge Röhren

Die Untersuchungsresultate dienen der Planung von Renaturierungen sowie von Gewässer- und Hochwasserschutzmassnahmen. «Eindolungen haben einen begrenzten Querschnitt. Die Röhren können nicht unbegrenzt Wasser aufnehmen», erklärt Martin Eugster. Zudem können verstopfte Einläufe zu Überschwemmungen führen. Werden Bäche nur schon teilweise offengelegt, habe Hochwasser die Chance, den Weg zurück in den Bachlauf zu finden. Und Revitalisierungen seien aus ökologischer Sicht wichtig.

Bund und Kanton zahlen Gros

Aktuell wird der Bleichebach im Herisauer Saum an die Oberfläche geholt. Anlass für diese Arbeiten sind die Unwetter im Jahr 2011, die ein Hochwasserereignis verursachten. Ein neues Bachbett wurde gegraben und teils mit grossen Steinbrocken ausgelegt. Wo möglich wird der ursprüngliche Bachlauf wieder hergestellt. Sobald die Arbeiten abgeschlossen sind, wird das Wasser des Bleichebaches durch sein neues Bett geleitet – Flora und Fauna können sich ihren Lebensraum zurückerobern.

Dieses Projekt kostet rund 550 000 Franken, eingerechnet sind Reserven für Reparaturen. Die Kostenübernahme ist bei allen Revitalisierungen gleich: Bund und Kanton finanzieren 72 Prozent der Kosten, die Gemeinden mindestens 14 Prozent, der Restbetrag fällt für Grundbesitzer und andere Nutzer an.

Einen Schritt weiter ist das Wasserbauprojekt beim Ursteinbach im Saum. Nach Schäden durch Oberflächenwasser ersuchte der Grundbesitzer den Kanton um Verbesserungsmassnahmen. «Wenn der Anstoss von Gemeinden oder Privaten kommt, ist das ideal», so Martin Eugster. Die Bauarbeiten wurden 2012 beendet, heute präsentiert sich der Bach schon recht naturnah.

Grosses Projekt am Brüelbach

In Herisau besteht ein Projekt, den Brüelbach offenzulegen. Aktuell verschwindet er im Bereich Oberdorfstrasse–Haldenweg mitten im Quartier unter der Erde und taucht erst bei der Kläranlage wieder auf. Ursprünglich habe man die Arbeiten im Zuge der Renovation der Kaserne realisieren wollen. «Nun haben wir das Projekt entflochten. Es wäre mit kleinen Beeinträchtigungen möglich, den Bach nach der Kasernen-Sanierung auszudolen», so Martin Eugster.

Ursteinbach: Die Baumassnahmen zur Revitalisierung sind abgeschlossen. Die Natur erobert das Bachbett und das Ufer zurück.

Ursteinbach: Die Baumassnahmen zur Revitalisierung sind abgeschlossen. Die Natur erobert das Bachbett und das Ufer zurück.

Bleichebach: Ein neues Bachbett wurde ausgehoben. Nach Abschluss der Arbeiten wird das Wasser eingeleitet. (Bild:  )

Bleichebach: Ein neues Bachbett wurde ausgehoben. Nach Abschluss der Arbeiten wird das Wasser eingeleitet. (Bild: )

Martin Eugster

Martin Eugster