Bach und Fluss der Ostschweiz im Gedicht

Einverstanden, fällig wäre – unter solchem Titel und in dieser Zeitung – ein Reimpaar wie «Dort mit gold'nem Lichtgezitter / Schlängelt sich die klare Sitter» (Adolf Stöber, 1850).

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Einverstanden, fällig wäre – unter solchem Titel und in dieser Zeitung – ein Reimpaar wie «Dort mit gold'nem Lichtgezitter / Schlängelt sich die klare Sitter» (Adolf Stöber, 1850). So gleichermassen künstliche wie behagliche Texte zu Appenzeller Wasserläufen sind aber nicht häufig; Bach und Fluss machen beliebteren Sujets wie Berg und See selten Konkurrenz. Kommen auch gegen Inseln (dort, wo's hat) nicht an. Lassen dem dichterischen Lob der Gipfel und Grate den Vortritt, dem poetischen Preis der Seelandschaften und ihrer Eilande (Mainau / Ufenau / Insel Werd / Isole Borromee / Reichenau / St. Petersinsel). Es hat mich vor vierzig Jahren erstaunt, bei Gottfried Keller Gedichte über den Vorderrhein und die Via mala zu finden. Noch weniger erwartet habe ich jedoch vor fünf Jahren die Gedichte mit den Themen «Tamina» und «Junger Rhein». Sie stammen von der Aargauer Erzählerin Claudia Storz; geradezu verblüffen könnte einen ihr Selbstporträt mit der Überschrift «Rotkäppchen an der Quelle Tamina». Korb, Käppchen, Wein, Wolf – fast alles ist darin; allenfalls die Grossmutter und ein Kuchen fehlen. Als Jägersmann darf man zu guter Letzt Rilke oder Paracelsus küren, ganz nach Vorzug.

Claudia Storz (die Autorin, die im Gedicht «ein rot Käppchen auf hat») ist 1948 in Zürich geboren, hat knapp 30jährig zu publizieren begonnen, mehrere Bücher erfolgreich auf den Markt und auch ins Gespräch gebracht. Erst vor wenigen Jahren hat sie Dichterisches bzw. Miniaturen veröffentlicht: unter dem schönen Titel «Federleichter Viertelmond». In dieser Sammlung, herausgebracht vom eFeF-Verlag, liest man mehrere «Aare»-Gedichte, ein «Seine»-, ein «Maggia»- und ein «Tejo»-Gedicht, liest dies über ein Fliesswasser in Paris, jenes über einen Bach in London, manches über Wasserfälle in Südamerika, Flüsse in Spanien, endlich die Donau (Storz heisst sie «einen grünen Wurm / zwischen weissen Kieseln»).

Erwähnenswert sind gewiss auch Storz' See- und Insel-Texte (Hallwilersee, Golzernsee; Elba), daneben weitere Wasserfall-Texte. Aber näher gehen einem hierzulande die ganz wenigen Mundartgedichte: eines über Ròòtschlääg und Vòòrschlääg, ein anderes über Glückspilze und Pechmarien. Intrigant, dass in der hiermit empfohlenen Sammlung ein Text «Die Kindermuschel» erscheint, der 1987 in Schmidt-Cadalberts/Trabers Mundart-Anthologie noch in Dialekt vorgelegen hat: «Chindermuschle». Wer imstand ist, die beiden Fassungen zu vergleichen, findet eine Teilantwort auf die merkwürdige Diskussion, ob man momentan bzw. künftig in Kindergärten der deutschsprachigen Schweiz dann und wann Mundart oder eben nur Mundart oder, im Gegensatz dazu, ausschliesslich Schriftsprache reden solle (genau genommen: die Sprache des Bilderbuchs, der Television, der Spiele und Games). Eine Antwort, die man – auch die Bildungspolitiker, so sie lesen – seit Jahrzehnten in doppelsprachig vorgelegter Schöner Literatur abholen könnte, z. B. in Kuno Raebers sowohl «hochdeutschen» als auch «Luzerner alemannischen» Texten.

Rainer Stöckli,

Gemeindebibliothek Reute

Storz, Claudia. Federleichter Viertelmond: Gedichte und Miniaturen aus einem halben Leben, mit Zeichnungen nach Regelvorgaben der Rangoli (Bodenbilder). – Bern: eFeF, 2005. (ISBN 798-3-905561-65-4) Ausleihbar in Ihrer Bibliothek. Buchtips nachzulesen unter www.biblioapp.ch